01.06.2012

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Führung in Teilzeit funktioniert

Deutschland ist Entwicklungsland beim Frauenanteil in den Vorständen. Die Versicherungswirtschaft macht dabei keine Ausnahme, so Dr. Josef Beutelmann. Der Vorstandsvorsitzende der Barmenia Versicherungen sowie des Arbeitgeberverbands der Versicherungsunternehmen in Deutschland e.V. (AGV) lobte beim 36. Meeting des Assekuranz Marketing Circle (AMC) in Köln die eigene Branche in Sachen Gleichstellung von Frau und Mann in Führungspositionen.

Als "einzige Branche" hätten die Versicherer im März eine eigene Führungskräfte-Tagung für Frauen ausgerichtet, die mit 130 Teilnehmerinnen aus Vorständen und der ersten Führungsebene unterhalb des Vorstands besetzt war. Aber Beutelmann bekannte auch, dass die Branche erst am Anfang stehe - auch sein eigenes Unternehmen.

Nur vier Prozent weibliche Vorstände
Aus Erhebungen des AGV zitierte er, dass 54 Prozent der Innendienstmitarbeiter weiblich seien. Auszubildende weisen einen Frauenanteil von 48 Prozent auf, im Angestellten Außendienst sind es immerhin noch 21 Prozent. Dagegen seien nur vier Prozent der Vorstände, zwölf Prozent der ersten, 24 Prozent der zweiten und 35 Prozent der dritten Führungsebene unterhalb des Vorstands weiblich. "Wir werden das jetzt regelmäßig abfragen", so Beutelmann. Auch bei der Barmenia gibt es bisher keinen weiblichen Vorstand und auch keine Dame in einer Hauptabteilungsleiterfunktion. Dagegen weist das Unternehmen nach Beutelmanns Worten elf Prozent Abteilungsleiterinnen und ein Drittel Gruppen- oder Teamleiterinnen auf. Der Vertrieb weise eine weibliche Führungskräftequote von neun Prozent auf.

Frauen als Agenturleiterinnen ungeeignet?
Das Problem machte der Barmenia-Chef in überkommenen Rollenbildern aus. Noch 1950, so zitierte er einen Artikel der Sonntags-Zeitung, war man der Meinung: "Wenn eine Frau genügendes Geschick, Diskretion und Umsicht besäße, sei das Verkaufen von Lebensversicherungen doch eine hübsche Nebeneinnahme zu ihrem Haushaltsgelde. Aber: Selbst eine Agentur zu führen, dazu können wir im Allgemeinen nicht raten; denn das erfordert ein großes Maß von Sachkenntnissen."

Offensichtlich wirkt bis heute ein Rollenbild nach, das der Frau die Sorge um den Haushalt und die Kindererziehung zuweist, dem Mann dagegen die Aufgabe des "Hauptgeldverdieners". Berufstätige Mütter gelten bis heute als "Rabenmütter" und Väter, die zur Kindererziehung daheim bleiben als "Weicheier", beklagte Beutelmann. Dieses Denken müsse überwunden werden.

Typische Frauenkarrieren, zitierte er eine wissenschaftliche Studie, sehen Unterbrechungen aufgrund familiärer Verpflichtungen und Phasen der Teilzeitarbeit vor. Sie sind von geringer Mobilität und dem Primat der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geprägt. Frauen setzen stärker auf Kooperation und Konsens statt auf wettbewerbliches Durchsetzen und Machtgewinn wie die Männer. Eine andere Studie zeigt, dass Frauen ethische Werte, ein gutes berufliches Image und die Vermeidung von Misserfolgen weit wichtiger sind als Männern.

Mehr Teilzeitangebote - auch für Führungskräfte
Die wichtigste Konsequenz ist, dass die Unternehmen eine flexiblere Arbeitsorganisation brauchen. "Wir testen zur Zeit Führung in Teilzeit, und siehe da, es funktioniert", so Beutelmann. Die Unternehmen könnten auch sonst Einiges tun. Die Barmenia beispielsweise biete unter anderem eine Kindertagesstätte, Ferienkurse oder auch das Eltern-Kind-Büro, in dem Eltern bei Betreuungsengpässen ihre Kinder an den Arbeitsplatz mitbringen können. Die Führungskräfte stehen in der Verantwortung, dem Thema Frauenförderung einen höheren Stellenwert beizumessen. An die Politik richtete er die Forderung, die Elternzeit von derzeit drei Jahren zu kürzen. Stattdessen müssten bessere Betreuungsmöglichkeiten geschaffen werden, damit Frauen frühzeitiger in den Arbeitsprozess zurückkehren können und ihre Karriere nicht mehr so stark unterbrechen. Auch sollten Kinderbetreuungskosten besser steuerlich abgesetzt werden können.

Keine Quotenfrauen
Dagegen sprach sich Beutelmann gegen eine gesetzliche Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten aus. Dies begründete er damit, dass die Betroffenen selbst eine solche Quote ablehnen, um in ihrer Rolle als Führungskraft nicht als "Quotenfrau" zu gelten. Während in der deutschen Bundesregierung bisher keine Einigkeit zum Thema Frauenquote besteht, könnte die Europäische Union vorpreschen, warnte Beutelmann. Es laufe ein Konsultationsverfahren, und es sei nicht auszuschließen, dass noch in diesem Herbst eine Regulierung erfolge.

Das werde für die Unternehmen große Probleme bringen. Die Besetzung von Führungspositionen werde langfristig geplant. Man könne nicht einfach männliche Führungskräfte "entsorgen", um eine Frauenquote zu erreichen.

Frauenförderung ist jedoch auch eine soziodemografische und eine wirtschaftliche Notwendigkeit, so Beutelmann abschließend. Zum einen seien ein Viertel der Frauen nicht berufstätig und stellten damit eine Arbeitskraftreserve dar, die in etwa dem prognostizierten Mangel an Arbeitskräften im Jahr 2025 entspricht. Zum anderen gebe es Studien, denen zufolge Unternehmen mit zunehmendem Frauenanteil im Topmanagement auch eine bessere finanzielle Performance aufweisen, zitierte er aus einer McKinsey-Studie.

Bild: © Konstantin Gastmann/Pixelio.de
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Autor(en): Professor Dr. Matthias Beenken
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