07.12.2015

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Lebensversicherer mit zu wenig Eigenkapital

Rein betriebswirtschaftlich gesehen können die meisten Gesellschaften die eingegangenen Verpflichtungen nicht erfüllen, so Professor Heinrich Schradin beim 43. AMC-Meeting. Und dass "PIA" kein Mädchenname ist, sondern sich die Versicherer dringend mit dem Kürzel auseinander setzen sollten, mahnte Rolf Wiswesser an.





"Die Lebensversicherungsunternehmen sind keineswegs gut gerüstet für Solvency II", so Professor Dr. Heinrich Schradin, Vorsitzender des Beirats der AMC Finanzmarkt GmbH bei deren 43. AMC-Meeting. Als Grund dafür führte er vor den Marketingleitern der Branche aus, dass die Unternehmen zu wenig Eigenkapital aufweisen.

Knapp über zwei Prozent Eigenkapital
Kapitalanlagen von 817 Milliarden Euro standen 2014 nur 16 Milliarden Euro Eigenkapital gegenüber, zitierte er Zahlen, die an seinem Lehrstuhl an der Universität Köln erhoben und gesammelt werden. Gemessen an der Deckungsrückstellung wiesen die Lebensversicherer im Durchschnitt 2,24 Prozent Eigenkapital auf. Insbesondere kapitalmarktorientierte Versicherer sind zudem bestrebt, diese Kennzahl zu senken und die Eigenkapitalkosten gering zu halten, machte Schradin am Beispiel der Allianz deutlich (0,98 Prozent). Andere Versicherer erreichen mehr als vier Prozent, wie er an ausgewählten Beispielen belegte.

Hinzu kommt, dass die durchschnittliche Verpflichtung gegenüber den Kunden bei 14 Jahren Laufzeit liegt, aber die Kapitalanlagen nur acht Jahre durchschnittliche Laufzeit aufweisen - ein "Duration-Mismatch".

Niedrigzinsen machen Strich durch die klassische Bilanz
Normalerweise ist das alles kein Problem. Doch die anhaltend niedrigen Zinsen führen zu "dramatischen Auswirkungen für die Bilanzen im Jahresabschluss sowie für die Versicherungsaufsicht", so Schradin weiter. Dazu wurden zwei Sicherungsmaßnahmen eingeführt, damit Versicherer nicht etwa nach und nach den Gang zum Insolvenzgericht antreten müssen.

So werden langfristige Verpflichtungen mit einem gleitenden zehnjährigen Durchschnittzinssatz bewertet, die sogenannte Zinszusatzreserve. Außerdem erhalten die Versicherer eine Übergangszeit von 16 Jahren zu den Solvency II-Regeln, in denen sie den Kapitalbedarf zur Finanzierung der Rückstellungen durch ein fiktives Eigenkapital bedecken können.

Nachreservierung 2015 führt im Schnitt zu negativem Eigenkapital
Aber allein die Zinszusatzreserven-Systematik führt durch das rapide Absinken des durchschnittlichen Swapsatzes zu einem erheblichen Nachreservierungsbedarf. Für Ende 2015 kann mit einer Zuführung von weiteren 2,39 Prozent der Deckungsrückstellung gerechnet werden, zeigte er anhand konkreter Zahlen auf. Das macht bei einem durchschnittlichen Lebensversicherer 245 Millionen Euro aus. Derselbe durchschnittliche Lebensversicherer hat allerdings nur 229 Millionen Euro Eigenkapital laut seiner HGB-Bilanz, und der Rohüberschuss macht mit 152 Millionen Euro auch wenig Mut, die Nachreservierung aus Gewinnen stemmen zu können.

Erschwerend kommt hinzu, dass mit der Absenkung des Höchstzillmersatzes nach dem LVRG von 40 auf 25 Promille das bisher schon nur minimal positive Kostenergebnis in die rote Richtung schwenkt. Die Risikogewinne müssen zu mindestens 90 statt bisher 50 Prozent den Kunden zukommen. Und die Zinsergebnisse schrumpfen dahin. Zusammenfassend macht das Lebensversicherungsgeschäft den Versicherern keine Freude mehr.

Anpassung der Kosten gefordert

Schradins Rezept für die Gesellschaften umfasst verschiedene Maßnahmen, zu denen wenig überraschend auch "Zurückhaltung im Vertrieb klassischer Produkte" und die Anpassung von Kosten, unter anderem den Provisionen, gehören. Die Versicherungsvermittler, vor allem die Makler, forderte Schradin auf, sich mit der finanziellen Situation von Lebensversicherern auseinanderzusetzen. Seiner Ansicht nach sollte in die Beratung einfließen, wenn ein Versicherer die Übergangsregeln von Solvency II nutzen und ein fiktives "Transitional Capital" bilden muss.

Privates Institut prüft Förderprodukte
Dr. Rolf Wiswesser, bis Ende September Vertriebsvorstand des Ergo-Konzerns, stellte in seinem Vortrag die Anfang Oktober neu eingerichtete "Produktinformationsstelle Altersvorsorge" oder kurz PIA vor. Diese wurde am Fraunhofer Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik gegründet und soll geförderte Altersvorsorgeprodukte bewerten und wissenschaftliche Impulse geben. Grundlage ist § 3a des Altersvorsorgezertifizierungs-Gesetzes, mit dem das Bundesfinanzministerium zur Vergabe einer solchen Einrichtung ermächtigt wurde.

"Vergessen Sie Produktratings", so Wiswesser. In der Beratung müssen das Leistungsversprechen und nicht nur die Kosten von Vorsorgeprodukten im Vordergrund stehen. Die reine Kostenorientierung kann leicht zu Fehlentscheidungen führen, wie er exemplarisch an einigen Beispielen zeigte. Und: "Berater müssen die neuen Anlagekonzepte verstehen", forderte er mit Blick auf die Alternativen zur klassischen, deckungsstockgestützten Lebensversicherung.

Verkauf wird nicht einfacher
Dazu werden Chancen-Risiko-Profile gebildet werden, mit deren Hilfe Produktangebote in Risikoklassen eingeordnet werden können. Nach Wiswessers Einschätzung müssen die Versicherer sicherstellen, dass sie in jeder Risikoklasse Angebote vorgehalten werden - und dass der Kunde dementsprechend befragt und beraten wird, welche Risikoklasse und damit welches Produktkonzept zu ihm passt. Einfacher wird der Verkauf von Altersvorsorgeprodukten damit nicht.

Bildquelle: © Jens Büttner/dpa
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Autor(en): Matthias Beenken
Diskutieren Sie über diesen Artikel:

am 07.12.2015 12:22:43 von Werner Jung: Ross und Reiter

Warum werden hier nicht Ross und Reiter genannt? Es sollte schon an die Öffentlichkeit geraten, welche Lebensversicherer Probleme haben. Alles andere ist ja nichts Neues.
mehr ...
am 07.12.2015 13:26:48 von Peter Schramm: Cetero censeo

Kommentar zu: Ross und Reiter

Warum werden hier nicht Ross und Reiter genannt? Es sollte schon an die Öffentlichkeit geraten, welche Lebensversicherer Probleme haben. Alles andere ist ja nichts Neues.
Auch wenn etwas schon einmal gesagt wurde und daher nicht mehr neu ist, wäre es falsch, es deswegen künftig nicht mehr zu äußern.

Vielmehr wäre das Ergebnis, dass es dann schlicht künftig ignoriert wird. Es hilft dagegen nur ständiges Wiederholen, auch wenn es bereits keiner mehr hören kann. Oder auch gerade deswegen und solange, bis die Situation die gewünschte Besserung gezeigt hat.

Ich wurde schon manchmal gefragt, warum ich eine Erkenntnis nicht früher geäußert habe, so dass derjenige vor Schaden bewahrt worden wäre. Dann habe ich darauf hinweisen können, wo ich es bereits vor Jahren einmal veröffentlicht hatte - man hätte es ja seinerzeit beherzigen können.

Cato endete jahrelang jede seiner Reden im Senat mit den Worten
"Ceterum censeo Carthaginem esse delendam". Bis die Römer endlich loszogen, um Karthago zu zerstören. Es interessierte Cato nicht, dass die Römer seine Meinung nur schon längst kannten, sondern dass sie endlich danach handelten.
mehr ...
am 08.12.2015 12:34:48 von Marion Busch: stimmt genau - immer diese gediegenen Halbinformationen

Kommentar zu: Cetero censeo

Auch wenn etwas schon einmal gesagt wurde und daher nicht mehr neu ist, wäre es falsch, es deswegen künftig nicht mehr zu äußern.

Vielmehr wäre das Ergebnis, dass es dann schlicht künftig ignoriert wird. Es hilft dagegen nur ständiges Wiederholen, auch wenn es bereits keiner mehr hören kann....
- Verunsicherung in dieser Branche ist für alle genug vorhanden. Die Politik tut das ihrige mit ihren Entscheidungen und Bürgerdemoralisierungen dazu. Die Presse und hier der Zusammenwürfelungs-Infoteil sorgt bei Bevölkerung wie auch Beratern für eine verunsichernde und negative Stimmung. Dieser wundervolle Staat gibt mir mit seiner Verhaltensweise den Eindruck,auch immer die Endkettenbetroffenen bestrafend - Bürger und heute ehrliche Makler / Vermittler, dass die DDR ziemlich gut Einzug gehalten hat. Vielleicht haben wir wieder eine Staatliche Versicherung demnächst, Einheitsbrei vom Feinsten. Schließlich - die Bedingungen, Gesetze, Hürden, die weder Vermittler noch die Gesellschaften oft selbst ihre Arbeit gut machen läßt vor lauter Restriktionen und Fallen - nicht anrufen, nicht werben (gut dass der Enkelbetrüger aus der Türkei anrufen darf, alte Menschen um ihr Geld bringt, die Verbindung zur Türkei aber nicht so weit reicht, dass man so einem Mann das Handwerk legt, sondern der grinsend feist Interviews gibt und weitermacht und sich über das Leid anderer Menschen und unsere deutsche Doofheit totlachen darf - öffentlich - DANKE, das ist doch toll), Solvency II erfüllen - wie ist egal, Hauptsache dass.... und und. Hat alles Methode und hier ist wieder der Beweis - immer hübsch Halb- und Viertelwahrheiten präsentieren. Für Einschaltquoten und Schuhu-schwarzer-Mann Schauermärchen ohne klare Sprache zu präsentieren, macht Presse doch alles. - Wie gesagt, mit Helmut Schmidt ging unser letzter Klardenker und deutliche klare Worte-Finder. Der Rest ist verdrucktes, nur nach sich schauendes und Tagesparolen herausrufendes Klientel in den Sesseln. Die unendliche Geschichte. Macht richtig Spaß dem immer gleichen "Murmeltiertag" der Menschheit zuzusehen. Vorne mit fleißigen Händen aufbauen bis zu einer bestimmten Generation - dann mit dem Gesäß wieder einreißen, wo kluge Köpfe gebraucht würden, sitzen dann leider nur och ICHles, die sich für ihre Komfortzone stark machen und sonst nichts.
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