14.03.2016

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Aktuarsausbildung um Wahrsagerei erweitern

Der Bund der Versicherten übt herbe Kritik an den privaten Krankenversicherern. Das kann man zwar tun, aber Lösungsvorschläge sollten doch realistisch bleiben.

Dass einzelne private Krankenversicherer (PKV) erstmals nach mehreren Jahren Ruhe wieder höhere Beitragsanpassungen vornehmen müssen, hat der Bund der Versicherten zum Anlass einer Generalkritik an der Branche genommen. "Ins Gericht" geht Vorsitzender Axel Kleinlein laut einer Pressemitteilung mit den Versicherern. Ausgangspunk sind Berichte über Beitragsanpassungen zum Jahreswechsel, die in Einzelfällen bis zu 30 Prozent erreichen würden. Daraus leitet die mittlerweile dem Verbraucherzentrale Bundesverband angehörende Versichertenvereinigung ab: "Inflation und medizinischer Fortschritt müssen von vornherein in die Prämie einkalkuliert werden."

Kristallkugel ersetzt den Rechenschieber
Konsequent wäre es allerdings gewesen, gleich eine Abschaffung des verantwortlichen Aktuars bei privaten Krankenversicherern zu verlangen und diesen durch Wahrsager zu ersetzen. Wichtigstes Werkzeug der Gestaltung von PKV-Tarifen wäre dann die Kristallkugel statt der Rechenschieber.

Denn bei seiner Forderung hat der streitbare Mathematiker Kleinlein übersehen, dass private Krankenversicherungen eine lebenslängliche Leistung versprechen. Ausgehend von einem typischen Eintrittsalter um die 30 Jahre werden durchschnittlich rund 50 Jahre, in individuellen Fällen auch 70 Jahre und noch länger Leistungen in Aussicht gestellt.

Geschichte zeigt, wie unzuverlässig Prognosen sind
Wie allerdings auf 50 oder gar 70 und noch mehr Jahre im Voraus die Inflation oder Kostensteigerungen durch medizinischen Fortschritt prognostiziert werden sollen, verrät Kleinlein nicht. Immerhin könnte er mit gutem Beispiel vorangehen und erläutern, wie er seine Mitgliedsbeiträge so kalkuliert hat, dass sie alle Veränderungen durch inflationäre Kostensteigerungen oder strategische Optimierungen in der Arbeit des Verbandes für die nächsten 50 bis 70 Jahre bereits vollständig enthalten.

Allein die jüngere Geschichte zeigt, wie wenig vorhersehbar beispielsweise die Geldpolitik und in deren Folge die Zinsentwicklung ist. Auch die Inflation verändert sich deutlich. Waren noch bis vor wenigen Jahren um die zwei Prozent Inflation normal, geht der Inflationssatz beeinflusst unter anderem durch die Entscheidungen der Europäischen Zentralbank gen Null. Geht man weiter zurück in der Historie, waren vor noch nicht allzu vielen Jahrzehnten Inflationssätze von fünf Prozent und mehr im Jahr normal.

Kleine Zins-Ursache, enorme Erhöhungs-Wirkung

Was diese Bandbreite für denjenigen bedeutet, der sie versuchen will im Vorhinein einzukalkulieren, zeigt folgendes Rechenbeispiel: Bei einem Prozentpunkt Inflation werden aus 100 Euro heute in 50 Jahren rund 164 Euro. Bei zwei Prozent sind es schon 269 Euro, bei fünf Prozent stolze 1.147 Euro. Muss die Kalkulation für 70 Jahre reichen, hätte der Aktuar bei einem Prozent Inflation mit 201 Euro, bei zwei Prozent mit 400 Euro und bei fünf Prozent mal eben mit 3.043 Euro Betrag zum Ende der Laufzeit zu rechnen. Wie man bei einer solchen Bandbreite zuverlässige Prognosen machen und in die heutigen Preise einrechnen will, dieses Geheimnis verrät der Bund der Versicherten jedenfalls nicht.

"Wehren können sich privat Versicherte gegen solche Erhöhungen nicht", meint der Verband. Allerdings wäre es redlich zu erwähnen, dass sich neben den Kostensteigerungsraten auch die Kaufkraft der Versicherten ändert. Der aktuelle Rückgang der Zinsen ist zwar schlecht für alle, die nach bisherigen Modellen für die Zukunft sparen wollen. Gleichzeitig aber profitieren alle Versicherten von nur noch stagnierenden Lebenshaltungskosten. Und wer aktuell Kredite aufnimmt, freut sich über Sollzinsen, die man noch vor der Finanzkrise nicht einmal als Guthabenzins für eine Tagesgeldanlage akzeptiert hätte.

Ersparnisse bilden war schon immer ein guter Rat
Deshalb sind Hochrechnungen von heutigen Monatsbeiträgen wie die vom Bund der Versicherten, wonach ein 35-jähriger Mann im Alter 67 bei drei Prozent Inflation mit 900 Euro Monatsbeitrag rechnen müsse, zwar rechnerisch richtig, aber dennoch Panikmache. Und dass medizinischer Fortschritt ausschließlich eine Kostenseite und nicht auch einen Nutzen hat, müsste der Bund der Versicherten den Schwerstkranken näher erläutern, die genau auf diesen medizinischen Fortschritt ihre Hoffnung setzen.

Hilfreicher für die Versicherten wäre der Rat, den gute Vermittler immer schon ihren Privatversicherten mitgegeben haben, beispielsweise eine beim Wechsel aus der gesetzlichen Krankenversicherung erzielte Ersparnis nicht zu konsumieren, sondern anzusparen. Daraus lassen sich spätere Kostensteigerungen begrenzen.

Kritik wäre an anderer Stelle angebracht
Kritik gegenüber den Krankenversicherern ist an ganz anderer Stelle angebracht. Es bleibt vollkommen unverständlich, dass sich noch nicht einmal alle Versicherer erst nach vielen Jahren Kritik, Provisionsexzessen und Skandalen erst ab diesem Jahr in ihren "Leitlinien für einen transparenten und kundenorientierten Tarifwechsel" bereiterklärt haben, einen Tarifwechselwunsch ihrer Versicherten in angemessener Art und Weise zu beantworten und umzusetzen. Stattdessen hat die Branche jahrelang tatenlos zugesehen, wie sich unseriöse Geschäftsmodelle breit machen, die als vorgebliche Versicherungs"berater" Tarifoptimierungen gegen eine "Erfolgsbeteiligung" anbieten.

Die Kritik des organisierten Verbraucherschutzes an diesen Modellen bleibt vergleichsweise leise. Vielleicht soll die heilige Kuh "Honorarberatung" nicht etwa mit lauten, öffentlichen Warnungen vor Honorarberatern in Frage gestellt werden.

Bildquelle: © nMedia Images/Fotolia.com
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Autor(en): Matthias Beenken
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