Arbeitsplatz ohne Zukunft?

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Der Begriff „Gemeinschaftsbüro“ ist verstaubt, das Wort „Großraumbüro“ sogar negativ besetzt. Aber „Coworkingspace“ klingt dagegen angesagt. In diesen sollen „neue Denkmuster, Eigenverantwortung und interdisziplinäre Zusammenarbeit“ gefördert werden.

Als „Work Lounge“ bietet beispielsweise ein Dortmunder Tagungsraumanbieter „neue Perspektiven im Bereich Lifestyle-Arbeiten“. Da können dann „Freiberufler, Start-ups, Kreative, IT'ler“ ein „perfektes Ambiente“ vorfinden. Arbeiten ist dabei Nebensache. Auch Versicherer entdecken den Charme neuer Namen für alte Konzepte. Die Axa beispielsweise hat sich „NWoW“ einfallen lassen, was eher wie ein typischer Hundelaut klingt. Das Kürzel steht für „New Way of Working“.

Keine festen Arbeitsplätze mehr, nur noch Zonen
Das Mittel lautet, den Mitarbeitern die festen Arbeitsplätze abzunehmen und stattdessen Arbeitszonen einzurichten, in denen typische Sachbearbeitung, Kommunikation oder aber die Konzentration auf bestimmte Aufgaben möglich sein sollen. Auch Heimarbeit an ein bis zwei Tagen pro Woche ist möglich.

„Einzelbüros als Statussymbol haben endgültig ausgedient“, so Axa-Personalvorstand Astrid Stange. Stattdessen würden Mitarbeiter mit Notebooks und Headsets ausgestattet und müssen sich jeweils einen freien Platz suchen. Das betreffe Mitarbeiter ebenso wie Führungskräfte und selbst Vorstände. Tests wurden bereits in Hauptverwaltung in Köln durchgeführt, als Pilot-Standort soll innerhalb der nächsten Wochen die Niederlassung Hamburg entsprechend umgestaltet werden.

Neuer Wein in alten Schläuchen?
Völlig neu sind solche Konzeptideen dennoch nicht. Bereits in den 1980er Jahren galt eine der Vorläufergesellschaften der deutschen Axa, die Colonia, als besonders modern. Das damals neue Hauptverwaltungsgebäude in Köln-Holweide wurde weitgehend als Großraumbüro gestaltet.

Führungskräfte bis einschließlich Abteilungsleiter und Mitarbeiter teilten sich fortan große, nur durch mobile Sichtschutzwände getrennte Bürobereiche. Abgetrennte Besprechungsräume dienten für Meetings und Personalgespräche.

Meine Familie, meine Pflanze, mein Schreibtisch
Die Neugestaltung von Arbeitsplätzen allein dürfte wohl eher eine kontraproduktive Maßnahme sein. Damit wird Mitarbeitern ihr fester Bezugspunkt weggenommen, der Rückzugsort, den man persönlich gestalten will. Bilder der Familie, Pflanzen und andere Gegenstände schaffen ein wenig „Zuhause“ im nüchternen Büroalltag. Bekannte Gesichter der Büronachbarn geben Halt in einer dynamischen Umwelt. Für moderne Wanderarbeiter ist das nicht mehr denkbar.

Wenn Versicherer wirklich ein neues Denken fördern wollen, dann sind sehr viel weitgreifendere Maßnahmen notwendig, allen voran eine entsprechende Führung und Unternehmenskultur. Die Realität ist eine andere, wie es eine langjährig erfahrene Führungskraft eines großen Versicherers kürzlich im persönlichen Gespräch frustriert äußerte.

Taylor lässt grüßen
Versicherungsunternehmen weisen überwiegend tayloristische Arbeitskonzepte auf. Die Arbeitsprozesse sind kleinteilig in Teilaufgaben organisiert, Mitarbeiter tragen wenig bis keine Verantwortung für „das Ganze“. Dies ist auch nicht erwünscht, nur ein „Funktionieren“ zur Bearbeitung von Geschäftsvorfällen. Mit Dienstleistungen am Kunden hat das eher wenig zu tun.

Müssen plötzlich alle kreativ sein?
So lange dies der Normalfall ist, werden Mitarbeiter kaum urplötzlich vom Abarbeiter vorgegebener Arbeitspensen zu kreativen Neuerfindern der Branche. Allerdings fragt sich auch, ob wirklich alle Mitarbeiter ein „neues Denken“ benötigen. Man stelle sich einen kreativen Schadenregulierer vor, dem die althergebrachten Bedingungswerke zu langweilig erscheinen, und der sie einfach einmal uminterpretiert. Oder den kreativen Kapitalanleger, dem Besseres einfällt, als fremde Gelder gut und sicher anzulegen. Ob das immer der Kundenerwartung entspricht?

Vielmehr leben Versicherungsunternehmen vermutlich am besten von einer guten Mischung aus Pedanten, die im Interesse der Kunden ganz unkreativ ihren Job machen und erfolgreich Versicherungskollektive managen, und kreativen Köpfen. Die sind dafür zuständig, Märkte zu erforschen und neue Deckungskonzepte zu entwickeln. Ob dafür Pedanten und Kreative auf die tägliche Suche nach einem freien Schreibtisch gehen müssen, oder notfalls in die Chill-Ecke ausweichen, die Frage müssen Unternehmenslenker noch beantworten. Das Großexperiment der Axa wird dafür sicher Anschauungsmaterial liefern.

Autor(en): Matthias Beenken

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