Verwirrnavigator

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Die Gothaer bewirbt einen Produktnavigator als Innovation im Markt. Vermittler sollen damit ihre Kunden systematisch zu drei Themenfeldern befragen und beraten können.

"Was will mein Kunde und was ist das Richtige für ihn? Wer diese Kernfrage in Zeiten turbulenter Finanzmärkte treffend und transparent beantworten kann, hat einen zufriedenen Kunden auf seiner Seite", so die Gothaer in einer Pressemitteilung zu ihrem neuen "Produktnavigator" ( - mittlerweile ist der Produktnavigator unter dieser Adresse nicht mehr zu erreichen). Die von dem Bildungsinstitut Going Public und der Rechtsanwaltskanzlei Michaelis "mit Unterstützung" der Gothaer Lebensversicherung angebotene Seite will helfen, einen Überblick über die Themen Arbeitskraftabsicherung, Altersvorsorge und Einmalbeiträge/Wiederanlage zu gewinnen. Angesprochen werden offenbar in erster Linie Vermittler, aber der Produktnavigator ist auch frei für Kunden zugänglich.

Betriebsunterbrechung zur Einkommenssicherung?
Dazu müsste der Nutzer im Themenfeld Arbeitskraftabsicherung aber mindesten wissen, was er mit der Frage "Finden Sie eine BU sinnvoll?" anfangen soll. Selbst unter Versicherungsfachleuten ist das Kürzel BU nicht einheitlich belegt und wird auch gerne mit "Betriebsunterbrechungsversicherung" übersetzt. Und warum sollte der Nutzer diese "sinnvoll" finden oder nicht?

Antwortet der Nutzer mit "Ja", erhält er eine kurze Erläuterung einschließlich Rechtschreibfehler zur Berufsunfähigkeit. Offenkundig aufgrund eines Programmierfehlers wird der Leser im PDF-Download der Ergebnisse verwirrt. Denn im letzten Satz nach der Erläuterung der Berufsunfähigkeitsversicherung heißt es, "Sie ist eine mögliche Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung, wenn diese aufgrund von Vorerkrankungen oder finanziellen Engpässen nicht in Frage kommt." Der besagte Satz gehörte offenbar zur anschließenden Frage nach einer "Schwere-Krankheiten-Versicherung". Mit einer solchen Dokumentation sind Mandate für Anwaltskanzleien gesichert.

Wirre Dokumentation

Auch im Weiteren ist das PDF wirr aufgebaut. Einige Sätze kommen doppelt und dreifach vor, und sind nach keiner erkennbaren Logik durcheinandergewürfelt. Zudem stellt sich die Frage, warum laut abschließendem Eindruck nicht nur der "Makler", sondern auch der "Kunde" eine Unterschrift leisten soll.

Beantwortet der Kunde die Frage ob er eine BU "sinnvoll" findet, mit "Nein", wird er weiter gefragt, ob der Beitrag zu hoch ist oder andere Gründe dagegen sprechen. Der Nutzer muss sich für eine der beiden Varianten entscheiden. Da die Abfrage zudem offenbar die erste Bedarfsermittlung unterstützen soll, dürfte der Kunde eigentlich noch keine Entscheidung über die Höhe eines angebotenen Beitrags treffen können.

Verwirrende Fragen
Mit der folgenden Frage "Möchten Sie lieber a) den Leistungsumfang reduzieren, dafür aber vollen Risikoschutz haben? b) den Risikoschutz reduzieren, dafür ggf. aber die volle Leistung erhalten?" wird mindestens jedenfalls der durchschnittlich verständige Kunde, vielleicht aber auch der eine oder andere Vermittler nichts anfangen können. Die semantische Verknüpfung von "reduzieren" und "volle Leistung" klingt schon fast nach Zauberei. Der Unterschied von "Leistungsumfang" und "Risikoschutz", die man wahlweise "reduzieren" darf, wird auch durch keine einblendbare Erläuterung klarer.

Welches Geld steht mir wann und wie oft wofür zur Verfügung?
Auch das hier anschließend generierte PDF ist wirr, enthält Schreib- und Layoutfehler und wirkt, als hätte ein Zufallsgenerator bei der Anordnung der Sätze geholfen.

Das deutlich längere Frage-Antwort-Spiel zum Themenfeld Altersvorsorge ist ebenfalls kaum verständlich, für Kunden schon gar nicht. Beschriftungen sind vage. Beispiel: "Wie viel Geld steht Ihnen monatlich zur Verfügung?" Hier darf der Empfänger der Dokumentation rätseln, ob ein Brutto-, ein Nettoeinkommen oder ein für die Altersvorsorge frei verfügbarer Betrag gemeint sind. Bei einigen weiteren Fragen weiß man nicht einmal, ob Beträge als Monats- oder Jahressummen anzugeben sind.

Gut gemeint, schlecht umgesetzt
Die Idee einer systematischen, automatisierten Hilfe für die Erstbefragung eines Kunden zu seinem Bedarf ist gut. Die Umsetzung im Internet dagegen ist misslungen und wird weder Vermittlern noch Kunden helfen.




Autor(en): Matthias Beenken

 

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