2. Konferenz für Finanztechnologie: Von wilden und stillen Revolutionären

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„Wir haben uns vom aufrechten Gang in die sportliche Hocke begeben. Und als nächstes werden wir in den Sprint übergehen.“ So die kritische Selbsteinschätzung von Axel Weßling, Leiter Services und bAV, Sondervertrieb bei der Allianz Lebensversicherungs-AG, seines Hauses, wenn es darum geht, sich mit den neuen Wettbewerbern zu messen, den Fintechs und Insurtechs.

„Fintech-Revolution“: So knapp, aber markant war die 2. Konferenz für Finanztechnologie in Frankfurt am Main überschrieben. Ihr Ziel? Zu zeigen, wie Versicherer, Banken, Start-ups und Investoren von Kooperationen profitieren. Initiatoren dieser ganztägigen Konferenz waren Versicherungsmagazin, Bankmagazin und das „Center of Financial Studies“. Getagt wurde auf dem Campus der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Von der Hollorith-Karte zur Digitalisierung
Dass die klassischen Versicherer - allen voran die Allianz - kaum beachtete, aber in der Versicherungsgeschichte doch wichtige Revolutionäre waren, skizzierte der Allianz-Mann Weßling anschaulich und mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
„ Wir waren der erste Versicherer, der Hollorith-Lochkarten, Druckmaschinen und Großrechner eingesetzt hat. Hollo… was? Ein Begriff, den heute so gut wie niemand mehr kennt. Hollorith-Lochkarten waren aber ein wichtiges erstes Instrument zur Datenerfassung. Der Amerikaner Hermann Hollorith hat diese kleine erste Wunderwerk der Erfassung von Daten erfunden.

Und seit dem Jahr 2000 hat die Allianz die Industrialisierung ihrer IT vorangetrieben. Seit 2015 rund 400 Millionen Euro in diese investiert, davon 100 Millionen Euro in diverse Digitalisierungs-Projekte. „Doch neue Produkte, neue Strategien verursachen bei manchen Menschen Blutdruck. Das ist aber gut so. Ich wünsche mir, dass wir noch mehr von den Fintechs getrieben werden.“
Angst vor den neuen Wettbewerbern hat Weßling folglich nicht, denn er weiß, dass sein Haus über genügend Finanzkraft verfügt, ausreichend investitionsfähig ist, dass seinem Arbeitgeber Vertrauen entgegengebracht wird, dieser viel Kompetenz besitzt und natürlich eine sehr bekannte Marke ist. Alles gute Voraussetzungen, um den neuen (digitalen) Anforderungen gerecht zu werden. „Und nun beginnen wir uns in und mit der Fintech-Welt zu vernetzen“.

Sehr flexibel, aber auch unbekannt
Und genau diese positiven Faktoren, die eben einen großen Versicherer wie die Allianz auszeichnen, sind oftmals die Schwachpunkte der Fintechs. Denn deren Bekanntheitsgrad ist meist gering, sie verfügen oftmals über relativ wenig Erfahrung im Bank- oder Versicherungssektor und das Vertrauen der Kunden gegenüber ihnen fehlt noch. So sieht es jedenfalls Professor Dr. Andreas Hackethal, Professor for Personal Finance Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Gleichzeitig sind diese Start-ups aber auch äußerst experimentierfreudig, flexibel, skalierbar, immer (mobil) zu erreichen und agieren bedürfnisbezogen. Und auch aus diesem Grund sind allein 2015 rund eine Milliarde Euro pro Monat in diese Fintechs geflossen. Augenblicklich flacht dieser Geldfluss aber wieder etwas ab.

Professor Hackethal vertritt die Position, dass die Produktivität in der Finanzbranche in den vergangenen 100 Jahren gleich geblieben ist. „Doch durch Fintechs kann sich dies verändern“, ist er überzeugt. „Auf jeden Fall stößt deren Existenz einen Demokratisierungsprozess für die Kunden an. Und manche Bereiche in der Versicherungsbranche schreien gerade danach, automatisiert und industrialisiert zu werden.“
Was die Insurtechs auf jeden Fall bewirkt hätten, sei, dass die etablierte Versicherer mehr und mehr dazu übergingen, dass sie (endlich) herauszufinden versuchten, was die Kunden wirklich wollten und dementsprechend ihre Produkte konzipierten.

Große Konsolidierung wird unweigerlich kommen

„Fintechs arbeiten ganz anders und viel flexibler als wir es bisher gewohnt sind. Sie sind näher am Kunden. So müssen auch wir künftig immer wieder testen, was unsere Kunde wollen und was nicht. Die etablierten Versicherer müssen viel schneller etwas Neues liefern können. Und die Kunden müssen auf alle Neuerungen reagieren können.“, beschreibt Tomas Peeters, Chief Strategy Officer der Ing-Diba AG den Trend und unterstreicht so die Aussagen von Professor Hackethal. Doch Peeters hinterfragt aber auch kritisch die Rentabilität der Fintechs. Seine nüchterne Einschätzung: „Viele neue Player werden wieder verschwinden. Ich bin mir sicher, dass eine große Konsolidierung kommen wird.“

Bildquelle: © Meris Neininger


Autor(en): Meris Neininger

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