Abschied vom statistischen Konstrukt

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Wir wollen uns ein Stück weit vom legendären Eckrentner verabschieden. Er ist ein statistisches Modell und bildet nicht die Realität ab", sagte der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) Dr. Alexander Erdland bei der Vorstellung der Studie "Rentenperspektiven 20140" in Berlin.

Die Studie wurde im Auftrag des GDV von der Prognos AG erstellt und will mit dem sterotypen Bild des (männlichen) Eckrentners aufräumen, der 45 oder künftig 47 Jahre lang ein gleichbleibend durchschnittliches Arbeitseinkommen erzielt. Die Biografien der Erwerbstätigen unterschieden sich erheblich von diesem Konstrukt, wie Prognos-Chefsvolkswirt Dr. Michael Böhmer erläuterte. Teilzeit, Kindererziehungszeiten, Arbeitslosigkeiten fänden im Modell nicht statt, beeinflussten in der Realität aber die Höhe der gesetzlichen Rente.

"Wir möchten einen Anstoß geben, das Thema von der Grundsatzdebatte näher an die Menschen zu bringen", so Erdland. Um ein realistisches Bild zu zeichnen, müssten auch Faktoren wie Wirtschaftswachstum, Erwerbstätigen- und Kaufkarftentwicklung sowie die Gewichtung nach Regionen und typischen Erwerbsbiografien berücksichtigt werden.

Sage mir wo Du wohnst und ich sage Dir, wie viel Du Dir leisten kannst
Dies haben die Studienmacher umgesetzt mit dem Ziel, die Realität jenseits des Durchschnitts abzubilden. Um eine Vorhersage für 2040 treffen zu können, haben sie Daten der Deutschen Rentenversicherung Bund genutzt und Niveau sowie regionale Kaufkraft der gesetzlichen Rente für sechs typisierte Männer- und Frauenberufe (Elektroinstallateur, Lohnbuchhalter Entwicklungsingenieur, Verkäuferin, Teamleiterin, Sozialpädagogin) untersucht.

Wie hoch die künftige Rente ausfallen wird und wie viel sie wert ist, hängt maßgeblich vom Wohnsitz der Rentner ab. Aktuell werden die höchsten Renten in Ostdeutschland gezahlt, weil dort in der Regel die Berufsbiografien durchgängiger waren. Insbesondere haben Rentnerinnen in Ostdeutschland in der Regel mehr Entgeltpunkte erworben als im Westen der Republik. Dies wird aber nicht so bleiben, sagen die Zukunftsforscher. Denn die Erwerbsbiografien werden sich künftig mehr regionalisieren und sich das Gesamtbild dadurch stärker mischen.

München hat die geringste Kaufkraft

Schon für die heutigen Renten sind der Einkommensfaktor, der Arbeitslosigkeitsfaktor und der Kaufkraftfaktor wichtige Eckpunkte. Beispielsweise hat die wirtschaftlich stärkste Region Deutschlands, München, die geringste Kaufkraft. "2040 werden die Rentnerparadiese mit Sicherheit nicht in den großen Metropolen liegen", so Böhmer. In Bayern nahe der tschechischen Grenze hat er hingegen eine Region ausgemacht, in der Rentner viel von ihrer Rente haben werden. Denn die Region prosperiere, habe aber gleichzeitig niedrige Lebenshaltungskosten. Ein Installateur aus Hof habe zum Beispiel eine 50 Prozent höhere Rentenkaufkraft als sein Kollege aus München.

Welche Konsequenzen sollte der Einzelne nun aus den Studienergebnissen ziehen? "Berufswahl und die Einkommensperspektiven entscheiden über die Rentenhöhe", sagt Erdland. Die Bekämpfung von Altersarmut beginne mit den Arbeits- und Bildungschancen der Berufstätigen. Hinzu käme der Umstand, dass die Menschen ihre Lebenserwartung in der Regel um sieben Jahre unterschätzten. Eine Frau, die 2040 in Rente gehe, werde im Durchschnitt 90 Jahre alt.

Verlässliche Rahmenbedingungen für die Altersvorsorge nötig
Aktuell habe die gesetzliche Rente in Ostdeutschland noch einen Anteil von 90 Prozent an der Altersvorsorge, in Westdeutschland seien es 60 Prozent, verdeutlichte der GDV-Chef. Dieses Niveau werde sinken. Deshalb müssten sowohl für die betriebliche als auch für die private Altersvorsorge attraktive und verlässliche Rahmenbedingungen herrschen. "Die Lebensversicherung wird in diesem Zusammenhang künftig noch wichtiger, weil es das einzige Produkt ist, das eine lebenslange Rente garantiert", so Erdland.

Damit aus den gewonnen Jahren gute Jahre würden, müssten sich Bürger und Politik rechtzeitig vorbereiten, fordert er. Dabei gehe es nicht um Aktionismus, denn Altersvorsorge sei ein langfristiges Projekt.

Bildquelle: © IngoBartussek/Fotolia

Autor(en): Alexa Michopoulos

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