Geringverdiener brauchen mehr Anreize zur Vorsorge

740px 535px
In seiner jüngsten Ausgabe von "Aktuar Aktuell" interviewt die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) den Präsidenten der Deutschen Rentenversicherung Bund, Dr. Axel Reimann. In diesem Interview nimmt er unter anderem Stellung zu der geforderten Rentenreform, einer drohenden Altersarmut und der viel diskutierten Deutschlandrente. Wir veröffentlichen das Interview hier auszugsweise.

DAV: Dr. Reimann, die Kassen der Rentenversicherung sind gut gefüllt. Dennoch fällt immer häufiger das Stichwort „Altersarmut“, wenn von der Versorgung im Alter die Rede ist.

Reimann: Der Gesetzgeber hat das Leitbild der deutschen Alterssicherung geändert: Die gesetzliche Rente soll nicht mehr allein, sondern zusammen mit den Leistungen aus der geförderten Zusatzvorsorge - der Riester-Rente - den Lebensstandard im Alter sichern. Dazu wird die gesetzliche Rente aber sicher auch in Zukunft den mit Abstand größten Anteil beitragen. Auch ist davon auszugehen, dass ein Durchschnittsverdiener mit einer durchgängigen Erwerbsbiographie auch künftig eine Altersrente bekommen wird, die regelmäßig deutlich über dem Grundsicherungsbedarf liegt.

DAV: Im Zusammenhang mit dieser Diskussion werden die Stimmen in Politik und Wissenschaft lauter, die in der nächsten Legislaturperiode eine grundlegende Rentenreform für notwendig halten. Wie stehen Sie dazu?

Reimann: Natürlich muss die Rentenversicherung immer wieder an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst werden. Vor Schnellschüssen kann ich dabei aber nur warnen. Ich halte wenig davon – und es ist auch dem Vertrauen der Menschen in die Alterssicherung wenig förderlich – wenn man die Rentenpolitik kurzfristig ausrichtet und grundlegende Reformen im Abstand weniger Jahre aufruft. Es ist den Versicherten nicht zuzumuten, hier alle zehn Jahre grundlegende Richtungswechsel vorzunehmen; Alterssicherung braucht ein gewisses Maß an Kontinuität.

DAV: Zur Absicherung des Lebensstandards im Alter gibt es in Deutschland das Drei-Säulen-System. Inwieweit ist dieses System nach Ihrer Ansicht angesichts der geänderten Erwerbsbiografien auch in Zukunft armutsfest?

Reimann: Die Zahl derjenigen, die zusätzlich zu ihrem Einkommen im Alter Grundsicherung beziehen, liegt aktuell bei rund drei Prozent. Altersarmut ist zurzeit also kein Massenphänomen. Wir müssen die Entwicklung aber im Auge behalten. Altersarmut kann künftig ein Thema werden – insbesondere für Menschen, die lange arbeitslos waren oder als Solo-Selbstständige gearbeitet haben. Ob der Drei-Säulen-Ansatz sehr hilfreich zur Bekämpfung von Altersarmut ist, da habe ich meine Zweifel. Versicherte mit unstetigen Erwerbsbiografien sind oftmals eben gerade nicht in betriebliche Sicherungssysteme einbezogen und auch kaum in der Lage, in nennenswertem Umfang privat vorzusorgen.

Ich glaube, gerade im Hinblick auf Personen mit relativ geringen Einkommen und unstetigen Erwerbsbiografien bedarf es weiterer Anreize zur Vorsorge in allen drei Säulen der Alterssicherung. Ein solcher positiver Vorsorgeanreiz könnte zum Beispiel dadurch entstehen, dass die Leistungen aus Alterssicherungssystemen nicht in vollem Umfang auf die Grundsicherung angerechnet werden und von daher jeder, der während des Erwerbslebens in den drei Säulen vorgesorgt hat, im Alter auch etwas davon hat.

DAV: Was halten Sie in diesem Zusammenhang von der aus dem politischen Raum vorgeschlagenen „Deutschlandrente“, die kapitalbasiert sein soll und das umlagefinanzierte staatliche Rentensystem ergänzen soll?

Reimann: Was zum Modell der Deutschlandrente bislang bekannt worden ist, ermöglicht nach meinem
Eindruck noch keine Einschätzung dieses Vorschlags. Eigentlich ist nur bekannt, dass Teile des Lohnes
der Arbeitnehmer in einen Deutschlandfonds fließen und zu einem erheblichen Anteil am Aktienmarkt angelegt werden sollen. Welche Leistungen sie daraus erwarten können, ist bislang nirgends gesagt worden. Die vorliegenden Vorschläge enthalten nicht einmal eine Aussage dazu, welche Art von Leistungen vorgesehen sind: Altersrenten, Invaliditätsabsicherung, Hinterbliebenenschutz – oder nichts von alledem? Auf einer solchen Basis kann ich diesen Vorschlag nicht ernsthaft beurteilen.

DAV: Aufgrund der großen Herausforderungen haben die deutschen Versicherer einen „runden Tisch“ vorgeschlagen, an dem alle drei Säulen des deutschen Alterssicherungssystems Platz nehmen sollen. Wie beurteilen Sie diesen Vorschlag?

Reimann:
Es gibt einen solchen Informations- und Gedankenaustausch schon seit vielen Jahren. Bei diesem Dialog ist mir eines wichtig: Es muss wirklich darum gehen, im Miteinander der drei Säulen die Herausforderungen der Zukunft anzugehen – und nicht, indem die Alterssicherung der Menschen in einer Säule auf Kosten der Sicherung in einer anderen Säule ausgebaut wird. Wenn wir uns darüber einig sind, halte ich eine Zusammenarbeit zwischen den drei Säulen auch für die Zukunft für sinnvoll und Erfolg versprechend.

Textquelle: DAV; Bildquelle: © Frank Peters /fotolia

Autor(en): versicherungsmagazin.de

Mehr zu Interview

Alle Branche News