Nachhaltigkeit ist bei der Waldenburger "Chefsache"

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Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sieht seine Branche als ambitionierter Verfechter des Nachhaltigkeitstrends. So verkündet der GDV-Vorsitzende Jörg von Fürstenwerth in einer Kolumne in den "Politischen Positionen": "Als Versicherer begrüßen wir die politischen Bemühungen, die globale Wirtschaft stärker an Nachhaltigkeitsaspekten auszurichten, schon mit Blick auf den Kern unseres Geschäftsmodells: Wenn durch die Erderwärmung Naturkatastrophen immer häufiger auftreten und immer höhere Schaden verursachen, sind wir besonders gefordert." Und wie stellt sich die Waldenburger Versicherung zu dieser Entwicklung? Ein Interview mit Thomas Gebhardt, Vorstandsvorsitzender der Waldenburger.

Sie erklären das Thema „Nachhaltigkeit“ in Ihrem Unternehmen zur Chefsache und haben hierfür sogar mit der Greensurance Stiftung zusammengearbeitet. Warum?
Thomas Gebhardt: Wir sind der Meinung, dass eine Veränderung in unserem Unternehmen in erster Linie durch die Geschäftsführung initiiert werden muss, denn der Aufsichtsrat sollte hierzu hinter der Entwicklung und natürlich den kostenseitigen Einschränkungen stehen. Dann allerdings muss diese Transformation unbedingt von den Mitarbeitern getragen werden, um die Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit zu sichern.

So haben wir den Veränderungsprozess bei uns in Begleitung der Greensurance Stiftung begonnen, um die ersten Schritte in die richtige Richtung zu gehen. Erfreulicherweise war die Resonanz unserer Mitarbeiter sehr positiv und Grundlage für den stetigen Veränderungsprozess.

Welche Zielgruppe(n) wollen Sie mit Ihren Produkten ansprechen?
Für uns stand die Veränderung der Waldenburger im Vordergrund, da die Gesellschaft in Deutschland sich nur verändern wird, wenn die Unternehmen damit beginnen. Im nächsten Schritt wollten wir interessierten Privatkunden die Möglichkeit bieten, nachhaltige Versicherungsprodukte kaufen zu können. Aktuell sind wir in der Entwicklung von nachhaltigen gewerblichen Produkten.  

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Weitere Informationen und die Teilnehmerunterlagen können Interessenten hier abrufen: www.sustainable-award-in-finance.de

Wie/Wo machen Sie auf Ihr (neues) diesbezügliches Engagement aufmerksam?
Das ist wahrscheinlich unser Problem – im Gegensatz zu Mitbewerbern betreiben wir kein massives Marketing für die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens oder dieser Versicherungsprodukte. Auch der Vertrieb dieser Produkte ist bei uns aktuell nur Vermittlern möglich, die eine entsprechende nachhaltige Ausbildung nachweisen können. Geprüft wird dies über die Greensurance Stiftung. Warum schränken wir uns in diesem Bereich so ein? Auch hier waren wir bisher der Meinung, dass nur ein Vermittler mit nachhaltigem Wissen Produkte verkaufen sollte, dessen Hintergrund er auch erklären kann. Wahrscheinlich waren wir zu blauäugig, denn diese Art von Vermittler gibt es kaum.

Wie schwer/leicht ist es, Kunden für diese neue Anlage-/Produktausrichtung zu gewinnen?
Ein Teil der Vertriebsphilosophie habe ich Ihnen bereits geschildert, der Erfolg ist sehr überschaubar, obwohl es hierzu einen Markt gibt! Darum können Kunden auch direkt bei uns Produkte abschließen und erhalten bei Bedarf die entsprechende Beratung.

Wie gestaltet sich die Nachfrage seitens der Vermittler in Bezug auf diese Anlage-/Produktklasse?
Na ja, das Interesse ist schon da, leider aber nicht die Fähigkeit, die Gründe einer nachhaltigen Entwicklung zu erklären oder den Kunden von einem neuen Weg zu überzeugen. Hierzu ist entweder eine Ausbildung - zum Beispiel als ESG Berater bei der Greensurance Stiftung) oder ein intrinsisch motiviertes Selbststudium notwendig, beide Varianten vermitteln bereits für uns diese Produkte.

Ich selbst habe übrigen auch die zwei Ausbildungsstufen zum ESG Berater absolviert, um die nötigen Kenntnisse zu erlangen und war über die Vielfalt und Tiefe des vermittelten Wissens überrascht.

Warum entscheiden sich Ihre Kunden für nachhaltige Produkte?

Die Gründe sind vielfältig, von der nachhaltigen Kapitalanlage, nachhaltige Leistungen für sich und andere, bis hin zu der leider wenig hilfreichen Begründung „es ist „in“. Wir waren zum Beispiel der erste Versicherer, der im Bereich der Privaten Haftpflichtversicherung auch geschädigten Dritten nachhaltige Leistungen zugestanden hat.

Kritiker werfen der Versicherungsbranche vor, das Thema Nachhaltigkeit nicht konsequent zu verfolgen. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?
Das kann ich nachvollziehen. Es ist aber auch sehr schwer für die großen Unternehmen, diesen Wandel vorzunehmen, Top-down wie auch Bottom-up. Kein Verständnis habe ich für die Unternehmen, die die Nachhaltigkeit als Vertriebsmittel nutzen ohne die Grundlagen im eigenen Haus gelegt zu haben. Transparenz ist hier das Gebot, ein Veränderungsprozess ist ein über Jahre andauerndes Projekt.

Andere kritische Stimmen bemängeln, dass die Versicherungsbranche sich zwar einen nachhaltigen Anstrich gibt, aber nicht wirklich entsprechend agiert. Wie ist Ihre Haltung hierzu?

Greenwashing ist nicht nur in der Versicherungsbrache ein Thema. Der Verbraucher muss genau hinschauen, um die Unterschiede zu erkennen oder benötigt einen Berater, der diese kennt. Wir haben uns entschieden, diese Veränderung kontinuierlich durchzuführen. Der Nachhaltigkeitsbericht, der von uns freiwillig erstellt wurde, war der erste Schritt zur Dokumentation und Ansporn, Themen weiter zu entwickeln. Wir haben eine Nachhaltigkeitsbeauftragte etabliert, auch um innerhalb der Belegschaft zu zeigen, wie wichtig dieses Thema für uns ist.

Es gab Themen, die wir deutlich schneller als Großunternehmen verändern konnten, wie unsere Kapitalanlagen. Diese konnten wir sehr schnell ESG-konform ausrichten, aber mit dem Nachteil geringerer Kapitalverzinsung. Und ja, es gibt auch Themen, die sich aufgrund unserer Größe nicht ändern lassen oder betriebswirtschaftlich unsinnig sind. Es geht aber um den Veränderungsprozess als Teil der Gesellschaft und die Ersthaftigkeit der Geschäftsführung diese Verantwortung zu leben.  

Können Sie mir konkrete Zahlen/Fakten zu einem Ihrer diesbezüglichen Produkte liefern? So beispielsweise für Ihre Fahrrad- oder Photovoltaik-Versicherung?
Hier sprechen Sie ein sehr interessantes Thema an, Die Fahrrad-, Photovoltaik- oder auch Geothermie-Versicherung sind keine Produkte aus unserer Nachhaltigkeitszeit. Diese waren schon viel früher auf dem Markt. Im Gegensatz zu den Bedingungswerken mit nachhaltigen Leistungskomponenten sind diese Produkte in sich schon nachhaltig.

Wie bereits gesagt, wir sind Maklerversicherer und betreiben kein aktives Marketing im Nachhaltigkeits- oder Direktkundensegment. Daher können wir auch keine verlässlichen Zahlen in diesem Kundensegment nennen.

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Gemeinsam haben Versicherungsmagazin, Bankmagazin und das Software- und Analysehaus Morgen & Morgen den "Sustainable Award in Finance" ins Leben gerufen. Hier können sich Unternehmen beweisen, die auf Nachhaltigkeit setzen.

Teilnahmeberechtigt sind Investmentprodukte, Spar- und Finanzierungsprodukte sowie Versicherungen. Die Produkte werden in drei Kategorien bewertet: Environment, Social und Governance.

Die Gewinner werden von einer Jury ausgewählt, die sich aus anerkannten Vertretern von Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit zusammensetzt. Produktgeber können sich online bis zum 14. August 2020 bewerben. Die Preisverleihung findet Ende November statt.

Weitere Informationen und die Teilnehmerunterlagen können Interessenten hier abrufen: www.sustainable-award-in-finance.de

Autor(en): Meris Neininger

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