Sind digitale Lösungen nachhaltig?

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Der Begriff Nachhaltigkeit birgt viele Deutungsmöglichkeiten für die Versicherungsbranche. Ob die Digitalisierung dazu beiträgt, wurde auf einer Veranstaltung sehr kontrovers diskutiert.

Nachhaltigkeit ist nicht nur das Leitthema der diesjährigen, virtuellen Jahrestagung des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft gewesen. Nachhaltig ist, dass das Programm der Vorjahrestagung, die wegen der beginnenden Corona-Pandemie ausgefallen war, nicht ersetzt, sondern mit wenigen Änderungen auf der Referentenseite nachgeholt wurde.

Politik will Nachhaltigkeit, Praxis vermisst Konkretisierung

Allein am Begriff Nachhaltigkeit mühten sich die aus so unterschiedlichen Hintergründen wie Philosophie, Sozialrecht, Bürgerliches Recht, Ökonomie und Versicherungspraxis stammenden Referenten ab. Einigkeit herrschte über die historische Ableitung aus der Forstwirtschaft und die weltweite politische Begriffsentwicklung der letzten Jahrzehnte. Der Philosoph Michael Quante von der Universität Münster leitete mit einer Deutung des Wortes sehr unterschiedliche Begriffsinhalte ab und hob die normative, also wertende, Seite hervor. "Ein konkretes Rezept gibt Nachhaltigkeit nicht ab", meinte sein Münsteraner Kollege Heinz-Dietrich Steinmeyer. „Als politische Leitlinie ist Nachhaltigkeit gerne gebraucht, aber wenig konkret“, setzte der Sozialrechtsexperte nach.

Seiner Ansicht nach ist die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) mit ihrem Generationenvertrag und dem Umlageverfahren nachhaltig. Allerdings gestand er zu, dass nach den drei "ESG-Kriterien" die GRV wohl vor allem das "S" wie „sozial“ und "G" wie gute Unternehmensführung für sich in Anspruch nehmen kann. Eine Stärke der kapitalgedeckten Versicherung dagegen ist, dass sich gezielt Kapitalanlagen in Richtung des im Deutschen als "ökologisch" zu übersetzenden "E" steuern lassen. Steinmeyer wollte daher auch keines der beiden Systeme gegen das andere ausspielen, nicht ohne auf die durchaus erhebliche Nachhaltigkeitsrücklage der GRV hinzuweisen.

Auch ökonomische, soziale und ökologische Ziele sollten nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander gebracht werden, forderte Christian Thimann, der die Geschäftsführung des Abwicklers Athora leitet. Ob die Abwicklung von Lebensversicherungen für Nachhaltigkeit spricht, auf diese kritische Vorlage des Moderators ließ sich Thimann allerdings in seinem Vortrag nicht weiter ein.

Herrn oder Frau "KI" wird es erst einmal nicht geben

Eine besondere Herausforderung war, das Leitthema Nachhaltigkeit mit dem Begriff Digitalisierung in Verbindung zu bringen, was weiteren Referenten zur Aufgabe gestellt war und höchst unterschiedlich gelöst wurde. Der Jurist Christian Armbrüster von der Freien Universität Berlin ging auf Rechtsprobleme durch Künstliche Intelligenz (KI) ein. So sei der Datenschutz "bei KI-Einsatz nicht immer möglich". Der Widerruf der Datennutzung sei nicht immer umsetzbar. Daraus leitete er Spannungsverhältnisse zu nachhaltigen Zielen bei der Datennutzung ab. Auch zeigte er ungelöste Fragen wie diejenige auf, wer für Fehler der KI haftet. Eine eigene Rechtspersönlichkeit für die KI hielt er aber für keine gute Lösung, denn sie müsse auch mit Haftungskapital unterlegt werden, das jemand aufbringen muss.

Einen ordnenden Überblick über die bunte Welt der Digitalisierungsmodelle in Bereichen wie Produkte, Vertrieb, Prozesse und Schadenabwicklung leistete Torsten Oletzky von der TH Köln. Dazu diskutierte er kritisch, ob beispielsweise situative Versicherungen nachhaltig seien. In der nachfolgenden Diskussion wurde deutlich, dass der Begriff Nachhaltigkeit oft mit Attributen wie fair, kostengünstig oder transparent, also für Kunden leicht verständlich, übersetzt wird. Ob das wirklich nachhaltig ist, darf dahingestellt bleiben. Aber Oletzky warb für pragmatische Vorgehensweisen - irgendwo müsse man einfach einmal anfangen.

Korallenriffe parametrisch schützen

Im globalen Maßstab wird es noch komplizierter mit der Nachhaltigkeit, so Michael Pickel, Vorstandsvorsitzender der E+S Rückversicherung. Amerikaner, Chinesen und Europäer hätten im Detail völlig gegensätzliche Vorstellungen, wie man das Klima schützt - und allen müsste ein international tätiges Versicherungsunternehmen gerecht werden. Als einziger Referent wies er auf die besondere Bedeutung hin, dass ein Arbeitgeber aufgrund des Mangels an Fachkräften durch seine Nachhaltigkeit attraktiver wird.

Dazu zeigte Pickel in Auszügen die Nachhaltigkeitsstrategie seines Unternehmens mit sehr konkreten Zielen und Maßnahmen wie dem Neugeschäftsstopp für bestimmte Anlagen im Bereich Kohlekraft. Durch Negativlisten werden bestimmte Kapitalanlagen ausgeschlossen. Weiter werden positiv Aktive Investments in nachhaltigen Assets sowie eine Steigerung der Nachhaltigkeits-Qualität im Investmentportfolio definiert. Nach seinen Worten hat die E+S 50 Millionen US-Dollar für Risikotransferlösungen zur Verfügung gestellt, um Klimarisiken in ärmeren Ländern zu bekämpfen.

Blockchain löst keine Begeisterung mehr aus

Die Verbindung zur Digitalisierung sind hier parametrische Deckungen, bei denen sehr schnell und leicht nachvollziehbar der Versicherungsschutz bei bestimmten Ereignissen ausgelöst und reguliert werden kann. Als Beispiel nannte er eine Korallenriff-Deckung in Mexiko, die inzwischen zum ersten Mal bei einem Wirbelsturm „ausgelöst“ und die lokale Fischerei- und Tourismuswirtschaft für Einnahmeausfälle entschädigt hat. Wobei es Pickel wichtig war darauf hinzuweisen, dass solche Deckungen keineswegs nur für Spezialdeckungen in Entwicklungs- und Schwellenländern geeignet sind.

"Blockchain spielt gar keine Rolle mehr", so Pickel zu einer weiteren Variante der schönen neuen Digitalwelt. Die Entwicklung sei außerordentlich schnelllebig und sei über die erste Euphorie über den Nutzen dezentral gespeicherter Verträge und Abwicklungsprozessen hinweggegangen.

Autor(en): Matthias Beenken

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