Wider ein Sterben in Sicherheit

Wie kann es Lebensversicherern gelingen auch im andauernden Niedrigzinsumfeld auskömmliche Renditen zu erwirtschaften? Dieser alles entscheidenden Frage im Hinblick auf die Zukunft der klassischen Lebensversicherung ging ein Fachgespräch des Vereins zur Förderung der Versicherungswissenschaft in Berlin nach.


Eine Lanze für mehr Risiko in der Kapitalanlagepolitik der Lebensversicherer brach Karlheinz Fritscher, Vorstand der Ideal Versicherung. Durch die massenhafte Anhäufung deutscher Staatsanleihen sei deren Rendite gegenwärtig wieder negativ. "Früher waren Staatsanleihen der Garantie für risikolosen Zins, heute sind sie ein zinsloses Risiko", fasste er zusammen. Das magische Dreieck der Kapitalanlage aus Sicherheit, Rendite und Liquidität sei schon unter normalen Bedingungen ein Ideal, unter heutigen Bedingungen kaum noch zu erreichen. "Da muss man an mindestens einer Seite Abstriche machen", so seine Überzeugung.

Gegenwärtig biete sich eine ganze Reihe von Anlageformen an, die oberhalb vier Prozent Rendite lägen, wie Immobilien, Dividendenaktien, Unternehmensfinanzierungen, Anleihen "schlechter" Emittenten (die in der Zukunft Gewinn bringen können), Investitionen in Infrastrukturprojekte wie den Ausbau von Energieübertragungsanlagen. Allerdings seien die Unternehmen sehr eingeschränkt, was die Anlageverordnung betrifft. "Das langfristig zur Verfügung stehende Geld der Lebensversicherer muss wieder produktiv werden dürfen", so seine Forderung.

Wieder mehr in Sachwerte investieren
Auch Dr. Marc Surminski, Chefredakteur der "Zeitschrift für Versicherungswesen", gibt dem Gesetzgeber eine Teilschuld an den gegenwärtigen Problemen der Versicherer, weil diese in Anlagen getrieben wurden, die wenig sinnvoll seien. "Solvency II betraft alles, was keine europäischen Staatsanleihen sind", kritisiert er den "Aufsichtswahnsinn". Aber Lebensversicherer sind nicht nur "Opfer", sondern auch "Täter": Bisher seien Unternehmen immer stolz darauf gewesen, so gering wie möglich in Aktien investiert zu sein. Bei einer Entwicklung des Dax 2012 von plus 29,1 Prozent sei eine Aktienquote deutscher Lebensversicherer von 2,7 Prozent ein Witz.

Man scheue Aktien wie das gebrannte Kind die Herdplatte. Allerdings sieht er in den Unternehmen auch keine wirklichen Asset-Spezialisten, es fehle schlicht am Know-how. Man müsse sich wieder auf ein "Mischfondskonzept" besinnen, von dem sich Lebensversicherer verabschiedet hätten. Die Zinsabhängigkeit der Anlagen räche sich bitter. "Jetzt muss wieder stärker auf die Produktivkraft deutscher Unternehmen und insgesamt auf Sachwertbestände gesetzt werden", rät er. Allerdings sei Solvency II - wenn es so wie geplant kommt - die "Sterbeurkunde" für deutsche Lebensversicherer. "Wir sterben alle in Sicherheit", so sein böses Orakel.


Sinkende Margen beeinflussen auch den Vertrieb

Insgesamt erwartet er für den deutschen Lebensversicherungsmarkt neue Garantiemodelle, wie das der Allianz, die Garantien nur noch für die Ansparphase gibt, sowie eine deutliche Marktbereinigung. Wenn Unternehmen ihr Neugeschäft einstellen (müssen), dann sollte es möglichst ohne viel Aufsehen passieren, als stiller Run-off. Neue Protektor-Fälle oder gar Eingriffe der Aufsicht seien noch schlimmer als ein Herausschleichen aus dem Markt, wie es Delta Lloyd und die Bayerische Beamtenversicherung getan hätten.

Und er sieht auch gravierenden Auswirkungen auf den Vertrieb. Surminski prophezeit ein Ende der "teuren Vermittlerherrlichkeit", da die knapper werdenden Margen der Lebensversicherer zu mehr Kostenbewusstsein auch im Vertrieb führen werde. Unternehmen mit anhaltend hohen Vertriebskosten werden künftig in Rankings schlechter abschneiden, ist auch Fritscher überzeugt. In der Honorarberatung sieht er zwar ein zweites Standbein, aber eine komplette Ablösung der Provisionsberatung werde es in absehbarer Zeit wohl nicht geben.

Kein Vertrauen in die Märkte
In der gegenseitigen Abhängigkeit von Staat und Banken, deren Probleme auf den jeweils anderen überschwappen, sieht Professor Dr. Jörg Rocholl, Präsident der European School of Management and Technology in Berlin, eine wesentliche Ursache für die gegenwärtigen Probleme. Staaten bringen Banken in Bedrängnis, weil sie massiv in Staatsanleihen investiert sind, die bislang als risikolos galten. Spätestens seit dem Euro allerdings gebe es keine Möglichkeit für die nationalen Notenbanken mehr, Währungsprobleme im Land zu lösen.

Aber Banken bringen auch Staaten in Not, wenn sie auf faulen Krediten sitzen und staatliche Hilfe benötigen. Gläubiger hingegen hätten bis auf ganz wenige Ausnahmen keine Verluste erlitten. Aus diesem Teufelskreis weise auch die Bankenunion keinen hinreichenden Ausweg. Die Folge sei, dass weder Banken noch Staaten sich ausreichend finanzieren können. "Dass deutsche Staatsanleihen jetzt so beliebt sind, hat nicht nur mit der Bonität Deutschlands zu tun", behauptete Rocholl weiter. "Das hängt auch damit zusammen, dass man in eine Währung investiert, die bei einem Ende der Eurozone eine Aufwertung erfahren wird." Fehlendes Vertrauen in das Banksystem der Peripheriestaaten verhindere ein schnelles Ende der Niedrigzinsen. Entsprechend sei auch keine kurzfristige Erhöhung der Rendite deutscher Staatsanleihen zu erwarten.

Bildquelle: @Gerd Altmann/

Autor(en): Elke Pohl

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