Wie Chinesen den Versicherungsmarkt aufrollen (wollen)

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Zhongan ist das erste Insurtech-Einhorn weltweit. Bill Song, Director of International Business bei Zhongan Insurance und COO der Zhongan Technologies International Group, schildert in einem Interview den Lenkern von DIA Community den Werdegang seines Unternehmens, was die Versicherungsbranche bislang falsch macht und wie es besser laufen kann.

1,5 Milliarden Dollar hat das Versicherungs-Start-up eingesammelt und nur vier Jahre nach der Unternehmensgründung einen Marktwert von zehn Milliarden Dollar erzielt. Nach Expertenmeinung zeichnet sich dieses Einhorn aus durch: profunde Erkenntnisse der Kundenbedürfnisse, eine Ökosystem-orientierte Denke, die die Gewinnung dieser Erkenntnisse überhaupt ermöglicht, sowie herausragende Serviceleistungen.

DIA: Können Sie uns ein wenig über den Hintergrund von Zhongan erzählen?
Bill Song: “Wir sind der erste Online-Versicherer in China. Im Vergleich mit zahlreichen europäischen und amerikanischen Versicherungskonzernen stecken wir allerdings noch in den Kinderschuhen. Wir haben gerade einmal viereinhalb Jahre Unternehmensgeschichte vorzuweisen. ZhongAn wurde 2013 von drei der größten chinesischen Unternehmen gegründet: Ant Financial von Alibaba, der Social-Media-Gruppe Tencent und der Finanzdienstleistungsgruppe Ping An. Im vergangenen Jahr sind wir an die Börse gegangen.”

DIA: Wie lautet das Geheimnis Ihres Erfolgs?
Bill Song: “Wir haben derzeit bereits mehr als 3.000 Mitarbeiter, von denen mehr als 50 Prozent Ingenieure sind oder aus der IT kommen. Wir entwickeln alles selber. Nur um Ihnen eine Vorstellung zu geben: Am letzten Singles´ Day haben wir an einem Tag mehr als 200 Millionen Versicherungspolicen verkauft. Wir brauchen also eine sehr leistungsstarke Technologie. Wenn Sie in China Geschäfte machen wollen, müssen Sie ab dem ersten Tag in der Lage sein, schnell zu reagieren und große Volumina zu verarbeiten. Aktuell sind wir mit mehr als 300 verschiedenen Partnern verbunden.

(Anmerkung: An dem ´Singles´ Day´ feiern junge Chinesen ihr Single-Dasein, indem sie sich selbst beschenken. Dafür wurde der 11. 11. gewählt, weil die Zahl ´1´ an ein Individuum erinnert. Der Singles´ Day hat sich in China zu einem überaus beliebten Shopping-Tag entwickelt; am 11. November 2017 überstiegen die Verkaufsumsätze an einem einzigen Tag die 25-Milliarden-Dollar-Grenze.)

DIA: Was zeichnet Sie aus? Wer fragt Ihren Service nach?
Bill Song: “Wir haben bereits viele verschiedene operative Wege und zahlreiche unterschiedliche Konzepte ausprobiert, die uns gelehrt haben, dass wir viele Dinge machen können. Derzeit ist die Kfz-Versicherung auf jeden Fall eine der größten Chancen, aber Konsumfinanzierung würde ich auch als interessantes Segment betrachten. Sie müssen bedenken, dass wir wirklich in der Lage sind, unsere Kunden zu verstehen und ihnen maßgeschneiderte Lösungen und Risikobewertungen anbieten können, da wir bereits 40 Prozent der chinesischen Bevölkerung in unserer Datenbank haben. Dieses profunde Wissen wird heute zum Beispiel im Bankwesen genutzt. Banken wollen Online-Kredite und eine sofortige Online-Kreditbewilligung anbieten. Dazu sind sie aber nicht in der Lage. Also bitten sie uns um Hilfe.

Derzeit ist die Kfz-Versicherung auf jeden Fall eine der größten Chancen, aber Konsumfinanzierung würde ich auch als interessantes Segment betrachten.

DIA: Können Sie uns einen kurzen Einblick in Ihr Verständnis von Technologie geben?
Bill Song: “Vom ersten Tag an kamen 80 Prozent unserer Mitarbeiter von Baidu, Alibaba und Tencent. Lediglich 15 Prozent stammten aus der Versicherungsindustrie. Wir waren uns aber alle einig, dass Versicherer einfach zu kundenfern sind. In der digitalen Welt gibt es Tausende von digitalen Untenehmen, die Kunden um ein Vielfaches besser verstehen als die traditionellen Versicherer. Versicherungsunternehmen arbeiten nach wie vor mit traditionellen Daten. In der Zukunft werden das Internet der Dinge, alles innerhalb der Telematik und sogar tragbare Technologie – sogenannte Wearables – gewaltige Datenmengen produzieren.

Die Frage ist, ob Sie diese Daten wirklich dazu nutzen, maßgeschneiderte Lösungen für Ihre neuen Kunden zu entwickeln. Wenn Ihr Kunde die gleiche Police ein zweites Mal abschließt, könnten Sie vielleicht über unterschiedliche Szenarien der Preisgestaltung nachdenken. Die aktuellsten Kundendaten aus den jüngsten Versicherungsabschlüssen zu verstehen und gewinnbringend zu nutzen, dahin sollte die Reise gehen.”

DIA: Wie stellen Sie sich die Digitalisierung der Versicherungsindustrie vor?
Bill Song: “Wir mussten die Vertriebskanäle digitalisieren. Also haben wir unterschiedlichen Kanälen bei der Digitalisierung geholfen und im Zuge dessen unsere Technologie verbessert. Die Technologie hat wirklich unser gesamtes Verständnis verändert. Wie ich zuvor schon erwähnt habe, ist das Versicherungsgeschäft ziemlich kundenfern. Wir brauchen mehr Kundennähe. Internetgiganten wie Google verstehen Kunden viel besser als wir und sie dominieren den Traffic.

Wenn wir uns nicht verändern, werden sie die Versicherungsunternehmen auf die Rolle reiner Risikoträger reduzieren. Wir können uns digitalisieren und mithilfe von Ökosystemen neue Arten von Beziehungen knüpfen und unsere Partner in die Lage vesetzen, ihre Kernaufgaben besser zu erledigen."

Quelle: Roger Peverelli and Reggy de Feniks, The DIA Community (Digital Insurance Agenda)

Autor(en): Versicherungsmagazin

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