Wie die Betriebsrente (auf keinen Fall) Anhänger findet

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Die betriebliche Altersversorgung (bAV) ist kompliziert, sie produziert Arbeit, ist mit Altlasten behaftet, ihre Beratung kostet Zeit. Diesen negativen Eindruck konnte man jedenfalls auf der Fachtagung "Fokus bAV und Employee Benefits" des Gesamtverbands der versicherungsnehmenden Wirtschaft (GVNW) erhalten. Doch manch ein Tagungsteilnehmer wollte dieses Negativbild nicht unkommentiert lassen und sprach sich engagiert "Pro" bAV, Betriebsrente und Sozialpartnermodell aus.

"Ein Haus, das vom Schwamm befallen ist, kann man nicht renovieren, man muss es abreißen". Dieses drastische Bild wählte Lorenz Hanelt von der Albatros Versicherungsdienste GmbH, als er in einer Podiumsdiskussion um seine Einschätzung zu der aktuellen Entwicklung in der bAV durch das Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) und dem politischen Vorhaben, ein Sozialpartnermodell einzuführen, gebeten wurde. Für ihn ist eine Nachbesserung der neuen bAV auf jeden Fall unumgänglich, damit Arbeitgeber und Arbeitnehmer das System auch wirklich verstehen und akzeptieren. Er gab dabei zu, dass "es sicher schwierig ist, einfache Modelle zu schaffen". So würden vor allem die zahlreichen Durchführungswege und verschiedenen Zusagen das bAV-System immer undurchschaubarer machen.

Viele widerstrebende Einzelinteressen verhindern eine gute bAV

Auch Andreas Fritz von der Pensionskasse für die Deutsche Wirtschaft (PKDW) machte noch auf ein seines Erachtens anderes Problem aufmerksam: "Beim bAV-System gibt es zu viele Eigeninteressen von Arbeitgebern, Versicherern, Anwälten, Arbeitsrechtlern und anderen Parteien. Wenn jeder diese aufgeben würde, könnte man eine gute bAV schaffen." Fritz machte darüber hinaus noch deutlich, dass das Sozialpartnermodell "eigentlich ein alter Hut ist." Dieses sei nur die Widerbelebung der regulierten Pensionskasse. Bei dem neuen Modell wäre aber die Einbindung der Tarifparteien der Pferdefuß, der die eigentlich gute Idee zum Problem werden lasse.

Doch keiner wagt den ersten Schritt

In ein ähnliches Horn stieß auch Jörg Heidemann, der beim GVNW die  Mitglieder im Bereich Personenversicherungen und betriebliche Altersversorgung berät. Seines Erachtens kann die Betriebsrente erst dann zu einem schlagkräftigen Instrument werden, wenn die Doppelverbeitragung abgeschafft wird. Auch die Tatsache, dass bei diesem System Tarifpartner involviert werden müssten, trage nur zur Komplexität des Systems bei. Speziell beim anstehenden Sozialpartnermodell sieht er alle Beteiligten sich gebärden "wie das Kaninchen vor der Schlange".  Diese ängstliche Haltung führe aber nur dazu, dass der Gesetzgeber spätestens ab 2023 aktiv werde und ein Obligatorium einführe, wenn von den beteiligten Kräften kein praktikables Modell realisiert würde.

bAV-System krankt an zu viel Vielfalt

Das Gespenst vom Obligatorium beschworen auch die anderen Diskussionsteilnehmer immer wieder, so auch Andre Cera, Leiter bAV bei der Otto Group. In seinem Unternehmen wird vor allem die Direktzusage angeboten. Er glaubt, dass wenn ein Obligatorium käme und die Direktzusage in dieses neue System gepresst würde, dies noch mehr Altersarmut zur Folge hätte. Und auch er monierte mehrfach die Komplexität des bestehenden Systems: "Das bAV-System krankt an zu viel Vielfalt. Die deutsche Rentenversicherung dagegen ist einfach und bequem, weil man nur die Versicherungsnummer kennen muss." Dies führe bei den Menschen zu einer hohen Akzeptanz, die Komplexität in der bAV verhindere eine derartige positive Haltung gegenüber der betrieblichen Vorsorge.

 

Opting-out als mögliche Lösung

In der Runde machte auch die Option "Opting-out" die Runde. Fritz sah dies als guten Weg an. Beim Opting-out nehmen Arbeitnehmer automatisch, also ohne dass sie dafür aktiv werden müssen, an der vom Arbeitgeber angebotenen Entgeltumwandlung teil. Wünscht der Arbeitnehmer keine Entgeltumwandlung, muss er ausdrücklich widersprechen. Er führte an, dass Unternehmen, die bereits vor dem Start des BSRG so die bAV pushen wollten, gute Erfolge verzeichnet hätten und "die Annahmequote bei nahezu 100 Prozent" gelegen hätte. Hanelt zeigt sich hier weitaus skeptischer. "Opting-out hört sich gut an, ist in der Praxis aber schwierig". Der Grund hierfür liege in der Beratung. Allein die Frage, welcher Durchführungsweg gewählt werden soll, verursachten bei den Arbeitnehmern diverse Fragen. Eine Erleichterung lieferten hier sicher - bessere - digitale Prozesse. "Wenn diese vorhanden wären, würden wir die jungen Arbeitnehmer auch besser erreichen", ist er überzeugt.

Der falsche Weg: Eine gute Idee schlecht reden

Nachdem die Diskutanten auf dem Podium sich auf die negativen Seiten des Sozialpartnermodells im Besonderen und der bAV im Allgemeinen eingeschossen hatten, regte sich im Publikum zunehmend Gegenwehr. So monierte ein Zuhörer die einseitige und unausgewogene Besetzung der Diskussionsrunde, ihm fehlten Vertreter aus der Versicherungswirtschaft oder von Sozialverbänden, die sicher "die zahlreichen Vorteile einer bAV" aufgelistet hätten.

Und eine Personalverantwortliche eines Versicherers mahnte: "Wir können die betriebliche Altersversorgung nur verbreitern, wenn wir nicht nur das Negative betonen und immer gleichzeitig Hosenträger und Gürtel haben wollen".

Manche müssen Geld in die oder aus der Hand geben

Am Ende hatten sich dann doch alle wieder lieb und man einigte sich - ungefähr - darauf, dass "keiner ein Obligatorium will, aber dass ein gewisser Zwang wohl notwendig ist", damit die Arbeitgeber bereit sind, Geld in die Hand zu nehmen, um vor allem Geringverdiener vor Altersarmut zu schützen und diese willig sind, auf einen gewissen Konsum zu verzichten.

Verdi hat ja erst beim "HDI bAV-Expertenforum 2019" anklingen lassen, dass möglicherweise doch noch im laufenden Jahr mit einem Versicherer ein Sozialpartnermodell auf die Schiene gebracht wird. Das heißt, es gibt wohl doch noch Branchenvertreter, die sich aus Ihrer Schockstarre befreien mögen und bereit sind, eine für alle Probanden attraktive bAV-Lösung auf den Markt zu bringen. Es bleibt wie immer spannend.

Autor(en): Meris Neininger

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