20.01.2016

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Warum Perfektionismus in eine Sackgasse führt

Perfekte Lösungen für Sachprobleme sind wünschenswert. Perfektion verbessert die Wettbewerbsposition und prägt langfristig das Image hoher Qualität. Perfektionismus aber ist übertriebenes Streben nach Perfektion. Perfektionisten streben perfekte Lösungen "um jeden Preis" an, auch um den ihrer eigenen Gesundheit.

Die Grenze zwischen perfekt und perfektionistisch ist fließend. Das trifft für Menschen zu und für Organisationen. Während "perfekt" zu hervorragenden Produkten und oft auch zu hohen Margen führt, macht Perfektionismus Menschen krank und verblödet Organisationen. Diese Erscheinungen nehmen zu und breiten sich aus, wie eine schleichende Krankheit. Aber es gibt Gegenmittel.

Abweichungen zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Wir leben und wirtschaften in einer komplexen Welt und nichts ist berechenbar. Dies trifft auf große weltpolitische Ereignisse zu. Aber auch bei kleineren Dingen des Alltags wirkt die Komplexität und führt zu Abweichungen zwischen dem, was man möchte, sich vorgestellt oder geplant hat und dem, was dann tatsächlich eintritt.

Solche Abweichungen passieren täglich, wenn sie auch an der Gesamtzahl der Ereignisse einen nur geringen Anteil im Prozent- oder Promillebereich stellen. Aber: Perfektion wäre 100 Prozent! Und die wird eben nicht erreicht. Unmöglich. Es bleibt immer eine statistische Fehlerquote, die nicht unterschritten werden kann. Trotz größten Bemühens.

Perfektionismus führt zu Überforderung
Wenn das so ist, sollte das unbedingte, bedingungslose Streben mancher Menschen nach der perfekten Lösung misstrauisch machen. Solange dahinter eine Haltung von Gewissenhaftigkeit, ein hoher persönlicher Anspruch an Leistung und Organisiertheit steht, gibt es keine Einwände. Wenn jedoch die Grenze zu Zwanghaftigkeit überschritten wird, permanente Versagensängste und depressive Symptome auftreten, dann wird es kritisch.

Perfektionisten genügt Gewissenhaftigkeit nicht. Zwanghaft treiben sie sich selbst und ihre Umgebung an, sind niemals zufrieden, tolerieren keinerlei Abweichungen, erlauben kein Nachlassen. Sie jagen einem Phantom nach.

Zusammenhang mit bestimmten Krankheitsbildern
Es ist leistungsfördernd eine Spannung zwischen "Soll" und "Ist" aufzubauen. Das lässt uns nach Weiterentwicklung streben und ist grundsätzlich gesund. Wenn allerdings aus dem "Soll" ein "Muss" wird, handelt es sich eindeutig um eine Dysfunktionalität. Der Perfektionist ist einem erhöhten Distress ausgesetzt. In verschiedenen klinischen Studien wurden Zusammenhänge mit Krankheitsbildern hergestellt, wie Angst- und Zwangsstörungen, Alkoholismus, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Depression, sexuelle Funktionsstörungen bis hin zu Selbstmordgedanken.

Perfektionismus verblödet Organisationen
In vielen Unternehmen und Institutionen ist das Sterben nach Perfektion Grundlage der Arbeit. In vielen Unternehmensleitlinien finden sich Begriffe wie "perfekt", "Spitzenleistung". Solange dies in einem vernünftigen Miteinander verwirklicht wird, ist dies positiv und nichts dagegen einzuwenden. Wenn dagegen Perfektionismus um sich greift, dann nimmt die Organisation Schaden. Bevor der schlimmste Fall eintritt und viele Mitarbeiter und Führungskräfte einen Burnout bekommen und langfristig ausfallen, steigt der Krankenstand. Einerseits steckt hier tatsächlich eine Zunahme von Erkrankungen dahinter, andererseits handelt es sich häufig um Schutzreaktionen von Perfektionismusauswirkungen Betroffener.

Viel schwerer wiegt jedoch eine andere Erscheinung: Perfektionismus macht Angst und Kontrolle zu dominierenden Themen. Der Erfolgsfaktor Vertrauen als treibende Kraft für gute Zusammenarbeit, Kreativität, Innovation und für Unternehmenserfolg schwindet. In einer solchen Atmosphäre gedeihen Regelungs- und Kontrollwut. Alles wird mit Kennziffern belegt, auch in den unsinnigsten Konstruktionen, in Zielvereinbarungen geschrieben, ge-benchmarkt und ge-reviewt. In Perfektionismuskulturen wird Vorgabe und Kontrolle zum Selbstzweck. Das Ganze geht einher mit der Ausbildung starker Hierarchien und befestigter Bereichsgrenzen. Und am Ende geht im Unternehmen nichts mehr normal - die Organisation ist verblödet.

Perfektionismus ist eine schleichende Krankheit
Nun sollte niemand glauben, er selbst und sein Unternehmen seien gegen Perfektionismus gefeit. Je größer der Druck, desto häufiger werden Anforderungen nicht erfüllt. Das führt - wenn eine kluge Führung dem nicht Einhalt gebietet - wiederum zu höherem Druck, zu noch mehr Fehlern, mitunter zu unlauteren Versuchen, Ergebnisse zu schönen (siehe VW-Abgasaffäre). Eine Teufelsspirale entsteht, an deren Ende die Perfektionismusfalle lauert.

In manchen Großorganisationen kann man diese Entwicklung besichtigen, in Behörden und beim Finanzamt. Diese tragen darüber hinaus dazu bei, dass sich die genannten Erscheinungen auch in kleineren Unternehmen verbreiten. Behörden und die Konzernzentralen üben nämlich auf der Grundlage von Gesetzen und Compliance-Regeln Druck aus und sorgen auf diese Weise dafür, dass jeder sich besser absichern muss. Perfektionismus breitet sich aus. Langsam, schleichend, aber sicher.

Das Gegenmittel

Die Medizin gegen den Perfektionismusbefall ist der Mensch. Das klingt zunächst überraschend, denn schließlich ist er Betroffener und in gewisser Weise auch Verursacher des Perfektionismus. In sehr vielen Fällen sind Menschen passive Teile des Systems. Sie ordnen sich den Regeln und Bedingungen im Unternehmen unter, hinterfragen sie nicht und folgen ihren Gewohnheiten.

Das muss aber nicht so sein, denn Menschen haben die Fähigkeit zu gestalten, auch die Systeme, zu denen sie selbst gehören. Dazu müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein. Erstens müssen sie gestalten dürfen. Das ist nicht überall selbstverständlich. Führungskräfte müssen das zulassen und fördern. Zweitens müssen sie gestalten können. Dazu benötigen sie Wissen und Erfahrungen.

Mit weniger Aufwand zum Ziel kommen
Wenn diese beiden Voraussetzungen erfüllt sind, kommt der spannende Moment. Wenn nämlich die weitere Perfektionierung des Bestehenden im Fokus bleibt, dreht sich die Perfektionismusspirale weiter. Stattdessen muss es um Vereinfachung und Reduzierung gehen. Ausgangspunkt kann die Frage sein, wie man die erforderlichen Ergebnisse mit nur 80 Prozent des üblichen, gewohnten Einsatzes schaffen kann. Wenn man sich auf diese Frage konzentriert, sie zu einem neuen Paradigma erhebt, dann ergeben sich viele Möglichkeiten, mit weniger Aufwand zum Ziel zu kommen.

Dadurch wird Stress reduziert, der Arbeitsdruck für den Einzelnen sinkt, die Effektivität der Organisation steigt, es werden Potenziale für Weiterentwicklung und Innovation freigesetzt, das Arbeitsklima bessert sich. Arbeiten und Leben werden dadurch nicht perfekt, aber besser. Und schlau ist ein solcher Weg allemal!

Der Autor:
Dr. Stefan Fourier ist Unternehmer, Autor, Business Consultant und Mentor. Er entwickelte praxistaugliche Modelle zum Umgang mit Komplexität, die Organisationen und Menschen erfolgreich und das (Arbeits-)Leben entspannter machen.

Lesetipp:
Stefan Fourier
SCHLAU STATT PERFEKT
Wie Sie der Perfektionismusfalle entgehen und mit weniger Aufwand mehr erreichen
1. Auflage Business Village 2015
208 Seiten, ISBN 978-3-86980-328-9
19,80 Euro

Bildquelle: © Jan Haas / panthermedia.net
Metadaten anzeigen: Autor verbergen | Schlagworte
Autor(en): Stefan Fourier
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