Wie viel muss man für das Alter sparen?

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In der Vorsorgeberatung wird häufig die Versorgungslücke berechnet und ein Vorschlag zu deren Schließung berechnet. Aber durch das Vorsorgesparen verändert sich der Bedarf.

Die Beratung zur Altersvorsorge ist nicht banal, auch wenn manche Softwareanbieter scheinbar mühelos bis auf den Cent genaue Prognosen bieten, wie sich das Alterseinkommen in Jahrzehnten entwickeln wird. Doch die Programme können nur linear hochrechnen, was ihnen heute vorgegeben wird. Brüche in der Erwerbsbiografie, Gehaltsveränderungen, vorzeitiger Ruhestand wegen gesundheitlicher Probleme, Änderungen der Steuergesetze und viele weitere Gründe führen dazu, dass die Prognosen doch am Ende überaus unsicher bleiben.

Ohne Sparen geht es nicht

Eine Realität muss aber den Kunden dennoch immer wieder nahegebracht werden: Wer ob der vielen Unsicherheiten den Kopf in den Sand steckt und gar nicht spart, wird mit Sicherheit im Alter keinen adäquaten Lebensstandard besitzen. Deswegen muss in jedem Fall gespart werden. Aber wie viel?

Dazu dominieren in der Praxis einfache Regeln. Volker Wolff, pensionierter Journalistikprofessor und Absolvent der Versicherungswissenschaften in Köln, kritisierte jüngst in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" diese Vorgehensweise. "Die Rechner der Vermittler und im Internet stellen sich da dumm. Einige fangen mit 100 Prozent des letzten Nettoeinkommens hoch an. Das ist unrealistisch", so seine Kritik. Auch Wolff verwendet eine nicht tiefer begründete Empfehlung und beruft sich auf die Stiftung Warentest. "80 Prozent des letzten Nettoeinkommens" seien eine sinnvolle Größe.

Das aktuell verfügbare Einkommen sinkt durch die Vorsorge

Doch damit ist immer noch nicht klar, wie viel der Vorsorgesparer von seinem aktuellen Gehalt zurücklegen sollte. Zumal eines in der Vorsorgeberatung oft gar nicht erst erwähnt wird: Je mehr der Erwerbstätige spart, desto geringer ist seine Vorsorgebedarf. Denn er will im Alter auch nur das netto weiter erhalten, was er im Erwerbsleben übrig hatte - nach Abzug der Sparleistung.

Tatsächlich muss daher eine Optimierung sowohl des aktuellen als auch des künftigen Einkommens angestrebt werden. Finanzmathematisch wird schlicht Einkommen umgeschichtet und in die Zukunft verschoben.

Wer auf nachgelagerte Besteuerung setzt, muss heute mehr sparen
Eine Möglichkeit, die dafür nötigen Größen zu schätzen, ist zu ermitteln, wie viel zusätzliches Einkommen im Alter aus dem heute Ersparten erreichbar ist, und dies mit dem Einkommen heute zu vergleichen, das nach dem Sparen übrig bleibt, bis beide Einkommen in etwa gleich hoch ausfallen. Dazu kann man die Bruttogehälter verwenden und die steuerliche Behandlung außen vor lassen. Denn durch die Steuern wird der grundsätzliche Bedarf des Sparens keinesfalls aufgehoben, sondern nur marginal in der Zeit verschoben.

Wer beispielsweise bei der Vorsorge auf die nachgelagerte Besteuerung setzt, muss heute mehr sparen - denn das Transfereinkommen im Alter wird planmäßig höher besteuert als bei vorgelagerter Besteuerung. Ob es unter dem Strich wirklich günstiger wird, weil das Alterseinkommen und damit die Steuerprogression meist sinken, hängt sehr davon ab, ob in Jahrzehnten immer noch dieselben Steuergesetz gelten wie heute.

Ansparphase und Entnahmephase berücksichtigen
Bei einer rein finanzmathematischen Betrachtung teilt sich der Vorgang der Altersvorsorge in zwei Phasen auf. In der Ansparphase wird aus dem aktuellen Gehalt gespart. Die Phase dauert vom Eintrittsalter bis zum Wunsch-Rentenalter.

In der Entnahmephase wird das angesparte Altersvermögen wieder verzehrt. Diese Phase sollte lebenslänglich dauern dürfen. Mit einem entsprechend hohen Vermögen, das sich nicht verzehrt, oder mit einer kollektiven Vorsorge (Rentenversicherung) ist dies möglich. Hier soll vom kollektiven Sparen ausgegangen werden. Das Altersvermögen muss dann bis zur durchschnittlichen Lebenserwartung der Alterskohorte reichen. Verwendet werden hier die Sterbetafeln des Statistischen Bundesamts.

Einfachste Rechnung ohne Zins

Eine weitere Annahme ist die Verzinsung. Die einfachste Rechnung erfolgt ohne Zins, und dies ist heute bei vielen Anlageformen die Realität, wenn man vom Anlagezins die Anlagekosten abzieht. Geht man aber dennoch von einer netto erreichbaren Verzinsung aus, reduziert dies die aktuelle Sparleistung.

Rechenbeispiel

Ein Beispiel: Eine 40-jährige Frau will mit 67 Jahren in den Ruhestand gehen. Sie verfügt über 4.000 Euro Monatsbruttoeinkommen. Weiter geht sie davon aus, dass sie mit ungefähr 45 Prozent der letzten Bezüge als gesetzlicher Rente rechnen darf. Die Frage ist, wie viel sie von ihrem aktuellen Gehalt sparen sollte, damit sie aktuell wie künftig im Alter ungefähr dasselbe verfügbare Einkommen besitzt.

Wenn sie beispielsweise zehn Prozent oder 400 Euro im Monat spart, wird sie ohne Zins die gesetzliche Rente von 45 Prozent um 12,4 Prozent aufstocken und damit insgesamt 57,4 Prozent oder 2.297 Euro im Alter haben, gegenüber einem Gehalt nach Vorsorgesparen von 3.600 Euro heute. Ausgewogen ist das Verhältnis erst, wenn sie rund ein Viertel ihres Gehalts spart, dann stehen aktuell wie künftig rund 75 Prozent des aktuellen Bruttoeinkommens zur Verfügung.

Bei einem Prozent Zins erreicht die Frau dieses Verhältnis etwas früher mit einer Sparleistung von knapp über 20 Prozent. Bei zwei Prozent Zins reichen rund 18 Prozent Sparleistung, bei drei Prozent sind es knapp über 15 Prozent.

Excel-Rechner zum Download
Auch wenn damit die Vorsorgeberatung noch längst nicht abgeschlossen ist und eine detaillierte Betrachtung auch der steuerlichen Situation und der Wünsche des Kunden zur Produktauswahl folgen müssen, so gibt diese Betrachtung jedoch einen wichtigen Anhaltspunkt, welche Vorsorgebereitschaft beim Kunden bestehen muss, um nicht im Alter enttäuscht zu werden.

Leserinnen und Leser des Versicherungsmagazins erhalten eine Exceltabelle zum Download ausschließlich zur privaten Nutzung kostenfrei, mit der die hier dargestellten Berechnungen mit eigenen Zahlen nachvollzogen werden können.


Bild: © Jeanette Dietl/Fotolia.com

Autor(en): Matthias Beenken

 

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