Datenschutz: Fluch und Hilfe für Versicherer

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Der Datenschutz hilft und behindert Versicherer zugleich. Zum einen fühlen sie sich in ihrer Arbeit durch die Auflagen des Datenschutzes stark behindert. Zum anderen fordern sie, internationale „Daten-Kraken“ schärfer an europäisches Datenrecht zu binden.

Versicherer fürchten aktuell sehr um ihr Geschäft, wie Klaus-Jürgen Heitmann, Sprecher der Vorstände der Huk-Coburg am Rand des diesjährigen Verkehrsgerichtstages im „Goslar-Diskurs“ deutlich machte. So würde ein stark europäisch geprägter Umgang mit Daten, die auf immer mehr Märkten der „erste“ Rohstoff wären, der Grund sein, warum man immer weniger gegen die US-IT-Großunternehmen bestehen könne. Heute stehe jeder deutsche Versicherer in Konkurrenz zu diesen IT-Riesen und damit im internationalen Wettbewerb. Alle Experten betonten, dass für die Versicherer Big-Data künftig die Schlüsselindustrie sein werde. Dafür müssen aber, um etwa neue Geschäftsmodelle wie beispielsweise Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung zu begründen, immer mehr Daten zusammengeführt werden. „Datenschutz wird in anderen Staaten deutlich pragmatischer behandelt“, sagte Heitmann.

Datenaufsicht gegen US-Größen schärfen

Längst gebe es einen Wettkampf der Kulturen. Gleichzeitig ist der Versicherungsmanager aber auch der Ansicht, dass sich ausländische Anbieter, an europäische Normen halten müssen. Das sehen auch Datenschützer so. Daher fordert Thilo Weichert, Vorstand der Deutschen Vereinigung für Datenschutz, das Recht auch durchzusetzen. Dafür sei der deutsche Staat derzeit überhaupt nicht gerüstet. „Wir brauchen eine Verhundertfachung der Datenaufsicht“, forderte der IT-Experte. Datenschutzregeln würden nur wirksam, wenn sie auch durchgesetzt werden können. Andernfalls machten Konzerne, wie Google, „was sie wollen“.

Gleichzeitig soll die Bürokratie aber flexibel sein. So beschäftige sich die Huk-Coburg derzeit vor allem in der Autoversicherung intensiv mit Big Data, habe aber schon bei der Einführung des eigenen Telematik-Tarifes endlose Diskussionen mit den Aufsichtsbehörden über die Frage führen müssen, wie lange die anonymisierten Daten aufbewahrt werden dürfen.

Überwachen bei nutzwertigem Service wird bejaht

Spannend ist, dass Verbraucher in Deutschland bei nutzwertigem Service eine Überwachung überwiegend akzeptieren. Das geht aus der umfangreichen Studie „Big Data: Bürgerschreck oder Hoffnungsträger?“ des Goslar Instituts hervor. So sind 51 Prozent der Deutschen bereit sich überwachen zu lassen, wenn dadurch die Verkehrsregeln besser eingehalten werden. Damit stoßen Telematik-Tarife auf eine überwiegende Akzeptanz. Können Verkehrsstaus dadurch vermieden werden, dass alle Autofahrer ihre Daten liefern, sind sogar 72 Prozent für das Datensammeln.

Auch die Überwachung der Wohnung gegen Einbrecher findet mit 53 Prozent die Zustimmung der Mehrheit. Diese Technik ist die Basis für Smart-Home- Anwendungen, die auch von den Versicherern für neue Geschäftsfelder genutzt wird. Während 62 Prozent der Deutschen bereits sind, dass die Medikamenteneinnahme bei älteren Menschen kontrolliert wird, findet sich für die Überwachung sportlicher Aktivitäten mit nur 27 Prozent keine Mehrheit mehr. Sie ist aber notwendig, um neue Angebote der Versicherer rund um die Gesundheitsvorsorge zu begründen. Prominentestes Beispiel ist das Vitality Programm der Generali Versicherung, bei dem Kunden im Tausch für ihre persönlichen Daten Nachlässe bei der Berufs- und Risikolebensversicherung erhalten.

Big DataBig Data prägt die Gesellschaft

Einig sind sich die Experten, dass personenbezogene Massendaten die Gesellschaft und Wirtschaft in Zukunft vollkommen neu prägen werden. Dabei gebe es auf der einen Seite die Risiken von Überwachung, Missbrauch und Diskriminierung und auf der anderen Seite die Chance das Big Data in Verbindung mit künstlicher Intelligenz das Leben in den Bereichen Medizin, Verkehr und Wohnen besser macht. Die Diskussion steht weiter unter dem großen Druck der US-amerikanischen IT-Giganten, die schon viele Lebensbereiche für sich vereinnahmt haben. „Wir müssen heute eine leidenschaftliche öffentliche Diskussion über Big-Data führen“, forderte Christoph Keese von der Axel Springer hy GmbH. Es sei längst kein Geheimnis mehr, dass Europa mit der Digitalisierung zu spät komme.

Die Studie „Big Data: Bürgerschreck oder Hoffnungsträger? - Zum Nutzen und Schutz von Daten des souveränen Bürgers in seinen Lebenswelten, Goslar 2019“, ist frei erhältlich.

Autor(en): Uwe Schmidt-Kasparek

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