Goslar Institut: Big Data im Auto - nicht immer ein Segen

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Wenn Deutschlands Autofahrer über die Verwendung ihrer Autodaten nicht selbst bestimmen können, drohen ihnen unkalkulierbare Risiken: Es besteht nicht nur die Möglichkeit, dass sie sich zu gläsernen Autofahrern entwickeln können, sondern auch die Gefahr, dass sie wegen der Monopolsituation der Hersteller tiefer in die Tasche greifen müssen, wenn es nach dem Verkauf des Fahrzeugs um Reparatur und Service geht.

Zu diesem Fazit gelangten die Teilnehmer einer Diskussionsveranstaltung des "Goslar Instituts für verbrauchergerechtes Versichern" zum Thema "Der Auto(-matisierte) Fahrer - ferngesteuert und abgezockt?" (Diskussionsteilnehmer siehe Bild). Die Experten forderten daher schnellstmöglich regulatorische Eingriffe vonseiten des Gesetzgebers, um den "gläsernen Autofahrer" zu verhindern und zu gewährleisten, dass die Automobilhersteller mit den in ihren Fahrzeugen generierten Daten nicht nach eigenem Gutdünken verfahren.

Muss verhindert werden: Der gläserne Kraftfahrer
Dabei sei Eile geboten, betonte das Vorstandsmitglied der Huk-Coburg Versicherungsgruppe, Klaus-Jürgen Heitmann. Denn wenn sich eine Monopolsituation zu lange festige, falle es später umso schwerer, wieder einen fairen Wettbewerb herzustellen, sagte er. Sollte ein entsprechendes Reglement zur Datenerhebung in Kraftfahrzeugen vonseiten des Gesetzgebers zu lange auf sich warten lassen, könne es am Ende möglicherweise zu spät sein, um den Autofahrern zu ihrem Recht an ihren eigenen Daten zu verhelfen, warnte Heitmann. Dann würde die so genannte Telematik im Verkehrsbereich neben allen unbestreitbaren Vorteilen – wie bessere Verkehrslenkung, mehr Sicherheit und Komfort – als negative Begleiterscheinung den "gläsernen Kraftfahrer" kreieren, der von extern ausgeforscht und (fern-)gesteuert wird.

Erfasste Datenmenge nicht im Interesse der Fahrer
Wie berechtigt diese Bedenken sind, verdeutlichte der Vizepräsident des ADAC, Ulrich Klaus Becker: „Ein moderner Golf sammelt heute fast schon mehr Informationen als ein Raumschiff“, stellte er sinnbildlich fest. „Unsere Autos sind heute bereits voll von elektronischen Mess- und Regelsystemen, bei deren Arbeit eine Vielzahl von Daten anfallen“, pflichtete ihm Professor Dr. Willi Diez, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geisslingen, bei. Die Zusammenführung und Auswertung dieser wachsenden Datenflut (Big Data) gebe dann mehr Auskunft über den Auto-Kunden, als vielen von ihnen lieb wäre, verdeutlichte Diez.

Bislang haben allein die Fahrzeughersteller Zugriff auf diese Daten und sie wollen erreichen, dass dies möglichst auch so bleibt. Denn mit diesen Informationen können sie sich Vorteile im Wettbewerb, insbesondere auf dem Werkstatt- und Ersatzteilmarkt verschaffen, befürchten Experten.

Lukrativer Markt und diverse Mitbewerber
Und hierbei geht es um richtig viel Geld, wie Studien belegen: Danach erzielen die Automobilhersteller und -händler heutzutage zwischen 75 und 80 Prozent ihrer Gewinne mit Aftersales-Produkten und -Dienstleistungen. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass hierzulande auf diesem Markt etwa 30 Milliarden Euro jährlich umgesetzt werden, mit weiterhin steigender Tendenz. Dem steht – zumindest in Deutschland – ein stagnierender Neufahrzeugmarkt gegenüber. Kein Wunder also, wenn die Automobilunternehmen versuchen, sich die Vorherrschaft über die in Kfz gesammelten Daten zu sichern und sich so der Wettbewerber im Werkstatt- und Ersatzteilmarkt zu erwehren. Zumal sich um diesen sehr profitablen Markt nicht nur die Markenkonkurrenz, sondern auch unabhängige Ersatzteilanbieter, freie Werkstätten oder Automobilklubs und letztlich auch Versicherungen balgen.

Einen gangbaren Weg, um einem Missbrauch der im Auto erhobenen Daten vorzubeugen, sähe Dr. Funke, Leiter der Kartellrechtspraxis der internationalen Anwaltskanzlei Osborne Clarke, in der Einführung strengerer Aufklärungspflichten. Der Kunde müsse im Detail erfahren, welche Wahlmöglichkeiten er hat und welche Daten von der Elektronik seines Autos erhoben werden. Soweit diese wettbewerbsrelevant sind, müsse nach der Entscheidung des Verbrauchers ein diskriminierungsfreier Zugang möglich sein.

Politisch Verantwortliche müssen schnellstmöglich reagieren

Um einen diskriminierungsfreien Wettbewerb sicherzustellen, müssten die politisch Verantwortlichen bei diesem Thema schnellstmöglich „in die Gänge kommen“ und entsprechende Schutzmaßnahmen entwerfen, forderten die Experten der Diskussionsrunde. Dies sollte nach ihrer Einschätzung möglichst gleich auf EU-Ebene erfolgen, da es sich bei "Big Data" im Auto ja nicht um eine rein nationale Problematik handele.

Nachfolgend können Sie sich die Podiusmdiskussion auf der Veranstaltung des Goslar Instituts ansehen:

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Text- und Bildquelle: © Goslar Institut; Videoquelle: © Stefanie Parpart, Finanzplaner TV GmbH

Autor(en): versicherungsmagazin.de

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