Rentner: Niedriges Einkommen ist nicht gleich Armut

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Das Armutsrisiko für Rentnerinnen und Rentner ist bei weitem nicht so hoch, wie es die aktuelle Diskussion um die Lebensleistungs- oder Respektrente vermuten lässt, sagt Jochen Pimpertz vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Der Leiter des Kompetenzfelds Öffentliche Finanzen, Soziale Sicherung, Verteilung wendet sich gegen eine aktuelle Neuauswertung der Statistik zur Armutsgefährdung auf Grundlage des Mikrozensus. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtete, hat der rentenpolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Matthias Birkwald, gemeinsam mit dem Statistikprofessor Gerd Bosbach von der Hochschule Koblenz die Gruppe Rentner und Pensionäre, die bislang gemeinsam betrachtet wurde, separat untersuchen lassen. Denn ehemalige Staatsdiener, haben im Schnitt deutlich höhere Alterseinkünfte als Rentner und drücken so die Armutsgefährdungsquote der gesamten Gruppe.

Rentenexperte Pimpertz wendet sich mit vier Argumenten gegen diese Interpretation der Daten:

Niedriges Einkommen führt nicht immer zu Bedürftigkeit
Das statistische Konzept der Armutsgefährdung berücksichtige ausschließlich das Einkommen eines Haushalts, ohne eventuelles Vermögen. Sparer ohne Riester-Vertrag oder Betriebsrente würden so nicht erfasst. Wer sich am Ende seines Berufslebens eine Kapitallebensversicherung auszahlen lasse und damit beispielsweise die Hypothek seiner Immobilie tilge, wohne im Alter mietfrei und benötigt deshalb weniger Einkommen. "Bei gleicher materieller Ausstattung würde ein Häuslebauer mit geringer Rente deshalb eher unter den armutsgefährdeten Rentnern auftauchen als ein Mieter", so Pimpertz.

Vermögen wird immer wichtiger
Einige Indizien sprächen dafür, dass Vermögen eine wichtige Rolle für die Lebensstandardsicherung im Alter spiele. Deshalb sei es notwendig, die Einkommens- und Vermögensverteilung integriert zu betrachten. Das sei aber, bis auf wenige Einzelstudien, bislang nicht etabliert.

Nur drei Prozent der Rentner beziehen Grundsicherung
Die Grundsicherung wäre ein Indikator, um zu zeigen, ob jemand tatsächlich bedürftig und armutsgefährdet ist. Im Jahr 2016 erhielten drei Prozent der über 65-Jährigen Grundsicherung. Von denen, die eine gesetzliche Rente beziehen, seien es zuletzt nur 2,7 Prozent gewesen.

Dunkelziffer ist nicht abzuschätzen
Armutsgefährdungs- und Grundsicherungsquote fielen weit auseinander. Es liege also nahe, dass viele Haushalte über Vermögen verfügen. Dies müsste zunächst abgeschmolzen werden, ehe steuerfinanzierte Hilfen fließen. Daneben gebe es aber auch bedürftige Rentner, die aus Scham nicht zum Sozialamt gingen. Wie viele das seien, sei nicht bekannt.

"Damit soll der statistische Befund armutsgefährdeter Rentner-Haushalte weder relativiert noch das Problem der Altersarmut bagatellisiert werden", sagt der IW-Experte. Der Zusammenhang mache aber deutlich, welchen Stellenwert die Bedürftigkeitsprüfung habe, um steuerfinanzierte Hilfen dorthin zu lenken, wo sie benötigt würden. Deshalb sollten die besorgniserregenden Befunde zur Armutsgefährdung in der aktuellen Debatte über eine Grundrente nicht instrumentalisiert werden. Vielmehr sollten sich die Anstrengungen darauf konzentrieren, wie man eine Bedürftigkeitsprüfung so organisieren könne, dass sie für die Betroffenen weniger beschämend sei.

Quelle:
Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.

Autor(en): Versicherungsmagagzin

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