Versicherer noch nicht bereit für das Thema Nachhaltigkeit

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Warum die Versicherer das Thema Nachhaltigkeit bisher vernachlässigt haben, dafür liefert der Moderator des DKM-Kongresses Nachhaltigkeit, Gottfried Baer, Geschäftsführer der Mehrwert GmbH, Bamberg, eine Erklärung. Versicherungsmagazin fragte bei ihm nach.

Weshalb vernachlässigen die Versicherer Ihrer Meinung nach das Thema Nachhaltigkeit?
Gottfried Baer:
Ich glaube, dass aufgrund der regulatorischen Vorgaben aus Berlin, mit denen die Versicherer unter anderem aufgrund der niedrigen Zinslage in den vergangenen Jahren massiv konfrontiert wurden, viele Versicherer mit diesen Themen jeweils so herausgefordert waren, dass der Kopf für Nachhaltigkeit nicht groß vorhanden sein konnte. Zudem lief das Geschäft trotz dieser Rahmenbedingungen bei den meisten Lebensversicherern mit positiven Zahlen weiter. Das heißt: Es gab aus Sicht der Unternehmen, meines Erachtens, keinen besonderen Anlass, etwas in ihrer Anlagepolitik zu ändern. Damit haben viele Häuser von sich aus leider die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkannt und das, was zusätzliches Vertrauen in der Bevölkerung schaffen würde, noch nicht genügend umgesetzt.

Nachdem sich bei den Menschen in Deutschland, vor allem auch durch Fridays for Future, eine Erwartungshaltung bildet, dass alle Beteiligten in der Wirtschaft mit dafür Sorge tragen müssen, alles zu tun, den Klimawandel nicht weiter zu befeuern, ändert sich auch bei den Versicherern etwas in puncto Nachhaltigkeit. Letztendlich müssen nun alle Häuser das Thema ab 2021 auf der Agenda haben, da nun auch die EU-Politik bewirkt, dass das Thema Nachhaltigkeit implementiert werden muss.

Gibt es nicht auch erste positive Beispiele?
Zum Glück gibt es diese. Einige Häuser haben bereits aus eigener Überzeugung vor der politischen Maßgabe damit begonnen, im eigenen Haus das Thema Nachhaltigkeit ziemlich klar zu positionieren. Die Intensität fällt dabei recht unterschiedlich aus. Zu unterscheiden sind zudem die Nachhaltigkeitsthemen im Hause selbst, etwa Fuhrpark, Stromanbieter, Papierverbrauch, Unternehmensführung und zum anderen die Geldanlagepolitik.

Prisma Life als Honorarlebensversicherer ist dabei schon weit gekommen und positioniert sich sehr eindeutig in eine nachhaltige Richtung. Auch die Gothaer ist im Ranking mittlerweile weit nach vorne gekommen und andere Häuser bilden gute grüne Marken, etwa die Bayerische mit Pangaea Life oder die Stuttgarter mit der Grünen Rente. In der Anlagepolitik - und das ist der größte Hebel in Sachen Nachhaltigkeit - haben immerhin schon etwa 60 bis 70 Prozent aller Versicherer reagiert und erste Nachhaltigkeitskriterien implementiert. Allerdings ist in der Klarheit und Tiefe der festgelegten Nachhaltigkeitskriterien noch viel Luft nach oben. Insgesamt bieten alle Lebensversicherer in der fondsgebundenen Rentenversicherung jeweils eine Reihe nachhaltiger Investmentfonds an. Allerdings liegt die Anzahl bei vielen Häusern nur zwischen einem und zehn Fonds und diese sind nach genauer Analyse oft nicht die nachhaltigsten Produkte im Markt. Auch hier ist noch sehr deutliches Verbesserungspotenzial vorhanden.

Bei den Sachversicherern gibt es auch einige eindeutige Positionierungen. So ist die NV-Versicherung mit der Itzehoer mit "Besser grün" klar ausgerichtet. Ebenso die Waldenburgische Versicherung oder die Pangaea Life mit den grünen Sachversicherungen.

Was zeichnet grüne Versicherungsprodukte aus?
Aus meiner Sicht gibt es dazu zwei Themenkomplexe:

  1. Die grundsätzliche nachhaltige Aufstellung des Hauses - sprich die Qualität der CSR. (CSR steht für Corporate Social Responsibility oder unternehmerische Sozialverantwortung)
  2. Die nachhaltige Anlagepolitik des Versicherers.

Es gibt Häuser, die grüne Versicherungsprodukte auf dem Markt bringen, aber in ihrem CSR-Bericht noch viel Entwicklungspotenzial in Sachen Nachhaltigkeit haben. Und es gibt Häuser, die in Sachen CSR weit vorne liegen und zudem inhaltlich überzeugende nachhaltige Versicherungstarife auf den Markt bringen. Wenn beide Themenbereiche qualitativ vorbildlich abgebildet werden, dann sprechen wir von einem überzeugenden grünen Versicherungsprodukt.

Mehr zum Thema Nachhaltigkeit können Sie in der aktuellen Versicherungsmagagzin-Titelgeschichte "Zukunftsthema in Beratung aufnehmen" erfahren. 

Autor(en): Bernhard Rudolf

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