Zukunfts-Studie: Schadenbearbeitung bald vollautomatisch

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Versicherungsbetrüger, werden es künftig deutlich schwerer haben. Denn sie können immer öfter per Künstlicher Intelligenz (KI) entlarvt werden. Das lohnt sich für die Assekuranz und ehrliche Kunden. Denn aktuell müssen die Schaden- und Unfallversicherer in Deutschland jährlich sechs Milliarden Euro zu viel an Betrüger auszahlen. Dies geht aus der sehr umfassenden Studie "Die Zukunft der Kompositversicherung" hervor, die jetzt Adesso Insurance Solutions und die Versicherungsforen Leipzig vorgelegt haben.

Weniger Betrug, weniger Schäden und mehr Service werden durch neue Technologien möglich. Zwar ist noch umstritten, in welchem Umfang die Versicherer Vernetzung, KI und Blockchain für die Schadenregulierung nutzen werden. Doch nach Einschätzung der Autoren aus Dortmund und Leipzig wird die fortschreitende Technologisierung nicht verlangsamt werden können und so einen hohen Handlungsdruck auf die einzelnen Unternehmen ausüben. „Nutzer dieser Technologien haben zukünftige Wettbewerbsvorteile“, glauben die Autoren.

Schadendaten mit Facebook kombinieren
Versicherungsbetrug würde pro Jahr um zehn Prozent zunehmen. Daher schätzen die Wissenschaftler für 2016 einen Schaden von sechs Milliarden Euro für die gesamte Kompositversicherung in Deutschland. Künftig könnten alle Schäden durch eine analytische Kontrolle laufen. "Anders als die bisher üblichen regelbasierten Systeme zur Betrugserkennung, auf die noch immer gut ein Drittel der Versicherungsunternehmen ausschließlich setzt, analysieren sie die Gesamtheit der Schadenfälle", stellen die Wissenschaftler fest.

Somit würden statistische Ausreißer und Auffälligkeiten viel leichter erkennbar. Zudem müsse man nicht jedes Betrugsmuster im Vorfeld definieren. Gleichzeitig könnten die Schadendaten mit Informationen aus sozialen Netzwerken kombiniert werden. Wer dann beispielsweise mit der angeblich gestohlenen Uhr in neuen Mitteilungen zu finden ist, könnte automatisch als Betrüger überführt werden. Solche Systeme bilden einen komplexen Score aus den Parametern des Schadensfalls und des Kunden und könnten Hochverdachtsfälle dem Sachbearbeiter anzeigen.

KI in der Praxis
Wie ein KI-Analysetool in der Praxis eingesetzt werden kann, zeige bereits der der Kölner D&O-Versicherer VOV. Das System prüft eine Vielzahl von Schadenakten, setzt Aussagen, Argumente und Reaktionen in Beziehung zueinander, um letzten Endes den Ausgang von Gerichtsprozessen vorhersagen zu können. Gerade die Manager-Haftpflicht zeichnet sich durch komplexe Verfahren mit häufig undurchsichtiger Interessenlage und jahrelangen Rechtsstreitigkeiten aus. Durch Prognosen zur Prozessentwicklung, hofft die VOV besser entscheiden zu können, ob ein Vergleich oder Prozess sinnvoller ist.

Vielfach können aber Schäden durch neue Technologie ganz vermieden werden. So können Sensoren in der Wohnung Einbruch, Wasser und Brand frühzeitig erkennen und Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Auch hier gibt es längst Versicherer, die in Kooperation mit Dienstleistern ein Smart-Home einrichten, um die Schadenprävention zu forcieren. Dienstleister dürften nach der Einschätzung der zusätzlich befragten Experten aus der Versicherungsbranche zudem eine immer stärkere Rolle spielen, wenn es um die Entschädigungsleistung geht. Sie sollen für Naturalersatz sorgen, der künftig als individuelle Alternative neben einer reinen Entschädigung angeboten werden kann.

So werde der "Moment of Truth" für den Kunden erlebbarer. Aus der Erfüllung der Versicherungsleistung in Form eines Schecks werde eine service- und kundenorientierte Leistungsfunktion. Die Autoren verweisen dabei auf das Start-up Optiopay. Das Berliner Unternehmen bietet Zahlungsempfängern die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Auszahlungsmethoden zu wählen. Neben der klassischen Auszahlung des entsprechenden Geldbetrags kann der Kunde sich auch für höherwertige Gutscheine entscheiden und somit seine Erstattungssumme steigern. Die Versicherungskammer Bayern kooperiert über seinen Online-Versicherer Bavaria Direkt in der Kfz-Versicherung schon mit dem Unternehmen.

Axa reguliert vollautomatisch
Zudem kann die Schnelligkeit der Schadenprüfung und damit die Kundenzufriedenheit deutlich erhöht werden. Bagatellschäden könnten statt heute in rund 16 Minuten schon in rund 8,5 Minuten entschädigt werden. Sogar die vollautomatische Schadenregulierung ist bereits verwirklicht. Das funktioniert über die so genannte Blockchain-Technik. So habe Axa Frankreich bereits auf dieser Basis eine Flugverspätungs-Versicherung auf den Markt gebracht. Bei der "Axa Fizzy Police" – die auch automatisch gekauft werden kann – wird der Schaden vom System reguliert, wenn der Flug länger als zwei Stunden verspätet ist. Das funktioniert durch die Blockchain mit einer weltweiten Flugverkehrsdatenbank.

Andere Anwendungen sind denkbar, wenn etwa über öffentlich verfügbare Systeme festgestellt werden kann, dass die Temperatur oder Niederschlagswerte einen bestimmten Level überschritten haben. Als Nebeneffekt verweisen die Wissenschaftler darauf, dass die Technologisierung auch neue Risikobereiche und Versicherungschancen eröffnet. „Mit der Verbreitung und Vernetzung elektronischer Geräte steigt die Bedrohung durch Cyber-Angriffe“, heißt es in der Studie. Da im Schadenmanagement, rund 75 Prozent der Gesamtkosten eines Versicherungsunternehmens entstehen würden, versprechen neue Technologien besonders hohe Einspar- und Verbesserungspotenziale.

Technik lässt noch zu wünschen übrig
Einschränkend merken die Autoren an, dass aber überlegt werden muss, in welchen Fällen die Kunden im Schadenfall so unter Stress stehen, dass sie sich einen realen menschlichen Ansprechpartner wünschen. Kritik kommt von Huk-Coburg Vorstand Jörg Rheinländer: "Bei einigen Teilprozessen mit guten Automatisierungschancen ist die Technik momentan leider noch nicht weit genug."

Insgesamt finden sich in der Studie, die 175 Seiten umfasst, eine Fülle von Bereichen, indem die Versicherer sich neu aufstellen können oder müssen. Zudem ist der Aufbau der Untersuchung sehr systematisch und nachvollziehbar. Fazit: Hier wurde beim Blick in die Glaskugel die Zukunft nicht gewürfelt.

Autor(en): Uwe Schmidt-Kasparek

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