Digitalisierung nur in Trippelschritten – und wer ist schuld?

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Es vergeht kein Tag, an dem Versicherer in ihren Pressemitteilungen und auf Tagungen darüber berichten, wie digital ihr Unternehmen aufgestellt ist, wie kräftig sie an der digitalen Umwälzung ihres Hauses arbeiten. Doch die Realität sieht wohl ein wenig anders aus. Jedenfalls wenn gestandene und erfolgreiche Makler aus dem Nähkästchen und über ihre Alltagsprobleme plaudern.

Die Generali schreibt auf Ihrer Homepage vollmundig: „Mit unserer Smart-Insurance-Offensive erfinden wir Versicherungen neu.“ Die Münchener-Rück-Tochter Ergo freut sich Mitte 2017 „über ihre echt schönen Anfangserfolge in der Digitalisierung“. 

Und die Talanx verkündet stolz, dass „sie die Digitalisierung konsequent vorantreibt“ und dafür ein eigenes digitales Studio gegründet hat, in dem „digitale Lösungen agil und schlank entwickelt werden“. Und auch der Swiss Re-Vorstand ist davon überzeugt, dass „die Digitalisierung eine unglaubliche Chance für die Versicherungsbranche ist“, denn die neuen Technologien verbesserten die Transparenz und vereinfachten die Produktgestaltung. So weit so gut. Aber wie sieht die Realität aus? Oder auch: Trägt die theoretische Digitalisierungseuphorie der Versicherer bei den Maklern und Vermittlern schon Früchte?

Die Luft ist raus, aber nun?
Bei einer internen Veranstaltung von Versicherungsmagazin in Wiesbaden trafen sich kürzlich zahlreiche Makler sowie Agenturleiter und tauschten sich aus. Ungeschminkte Wahrheiten kamen da auf den Tisch, viel Frust brach sich Bahn, und immer wieder war der Kommentar zu hören: „Es macht einfach kein Spaß mehr!“

Denn von den kontinuierlich publizierten Heldentaten der Versicherungswirtschaft in punkto Digitalisierung kommt bei der Vermittlerschaft nur wenig an.
Konkret hört sich das dann so an: „Der Digitalisierungsgrad der Versicherer ist nicht vorhanden. Die Unternehmen sind unter anderem nicht fähig, ein digitales Postfach einzurichten. Und digitale Unterschriften werden so gut wie nicht eingesetzt. Wir gehen vielmehr zurück zum Fax.“

Oder: „Den Versicherern fehlt einfach der Mut, mal mit einer kleinen Zielgruppe auf dem digitalen Sektor etwas Neues auszuprobieren. Junge dynamische Ansätze werden immer wieder ausgebremst“. Ja bislang unbekanntes Terrain zu betreten, liegt wohl nicht so in den Genen der Versicherer. Nur bitte mit Seil und doppeltem Boden … plus Sprungtuch.

Versicherung für Wohngemeinschaft? Keine Chance!
Ein junger Makler aus der Runde liefert ein Beispiel: Eine Wohngemeinschaft versichern? Hätte er gerne angeboten. Nicht möglich. Die Versicherer reagieren mit zu viel Wenn und Aber auf derartige Anfragen. Zu viele Teilaspekte, zu viele unterschiedliche Ansprüche der WG-Bewohner müssten in einen korrekten Vertrag miteinfließen. Für viele Produktanbieter nicht umsetzbar. Der Kommentar des jungen Maklers, der seine Kunden meist über Youtube findet: „Jeder CEO eines Versicherers sollte nur mal eine Woche im Silicon Valley ein Praktikum machen…“. Ja, das wäre sicher eine erkenntnisreiche Erfahrung.

Immer mehr setzen immer stärker auf Fintechs
Ein anderer Praktiker beim VM-Gespräch klagt: „Von uns Maklern wird immer mehr verlangt, IT-Spezialist zu sein. Wir brauchen heute effektive Module. Doch die alten Systeme schaffen die erforderliche Modularität nicht. Aus diesem Grund arbeiten ja auch immer mehr der klassischen Versicherer immer stärker mit Fintechs zusammen“. So wird die anfänglich skeptisch beäugte Konkurrenz zunehmend zum Helfer, ohne den nichts mehr nach vorne geht.

Laut einer Untersuchung von Compass Communications sehen viele Versicherungslenker eine Kombination aus Präsenzvertrieb und digitalem Vertrieb als das Wachstumsmodell der kommenden fünf Jahre. Die Befragung der Unternehmenskommunikation fand 2016 statt.
Interessant bei dieser Befragung ist, dass eher bei den Agenturen und Maklern als die Schuldigen angesehen werden, warum die digitale Umwälzung nur schleppend vorankommt. „Zu 80 Prozent waren die Agenturen nicht fähig oder willens, die Ideen und Vorgaben aus der Zentrale umzusetzen“, so der Kommentar von Christian Mylius, Mitbegründer der Beratungsfirma Innovalue. Ich höre unsere geladenen Makler schon schnauben. Da bleibt nur die Frage: Wer hat nun Recht?

Auch Professor Dr. Fred Wagner, seines Zeichens kritischer Geist und Vorstand im Institut für Versicherungswissenschaften an der Universität Leipzig, betrachtet die Situation nüchtern, aber weitsichtig: „Die Digitalisierung wird die Kultur in den Versicherungsunternehmen auf den Kopf stellen. Die jungen Digitalen suchen modernes Klima und flache Hierarchien. Da hat die Branche Nachholbedarf“.

Also dann mal Butter bei die Fische - Versicherer und Vermittler.

Autor(en): Meris Neininger

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