Reiner Digitalversicherer ist "tendenziell nicht gesetzeskonform"

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Mit dem US-Versicherer Lemonade hat ein neues, rein digitales Assekuranzunternehmen den deutschen Markt betreten (lemonade.com). Der Versicherer ist seit 2016 aktiv und soll in den USA bereits 500.000 Kunden gewonnen haben. Mit dem Marktstart in Deutschland möchte Lemonade traditionelle Strukturen aufbrechen und "frischen Wind" in die Branche bringen.

"Eine Versicherung, die augenblicklich, transparent und erschwinglich ist, sowie ein höheres Ziel anstrebt, hat universelle Anziehungskraft", behauptet Shai Wininger, Chief Lemonade Maker und Co-Founder von Lemonade. Der Versicherer will sich über einen festen Betrag vom Beitrag finanzieren und "den verbleibenden Versicherungsgewinn aus dem Versicherungsgeschäft" im Rahmen des jährlichen "Givebacks" an Non-Profit-Organisationen spenden. Versicherungsmagazin befragte den Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute (BVK), Michael Heinz, welchen Einfluss Lemonade auf den deutschen Versicherungsvertrieb nehmen könnte.

Wie beurteilt der BVK ein Versicherungsangebot, dass fast ohne Mitarbeiter und mit künstlicher Intelligenz arbeitet?
Michael Heinz: Der BVK hält die persönliche und qualifizierte Beratung und Vermittlung von Versicherungen durch Vermittler für unabdingbar für eine angemessene Absicherung der Verbraucher und Gewerbekunden. Auch der Gesetzgeber sieht dies so, was sich in den verschiedenen Gesetzen und Verordnungen wie VVG, GewO, VAG und der VersVermV widerspiegelt. Daher halten wir generell Versicherungsangebote, die ohne Mitarbeiter auskommen und nur mit Chat-Bots und Algorithmen arbeiten für sehr kritisch und tendenziell für nicht gesetzeskonform.

Wie stehen Sie dazu, dass Lemonade ohne Provisionen arbeitet?
Es steht außer Frage, dass Beratungs- und Vermittlungsleistungen abgegolten werden müssen. In dieser Hinsicht hat sich das Vergütungssystem auf Provisionsbasis seit Jahrzehnten bewährt, was sich nicht zuletzt auch an den äußerst geringen Beschwerdequoten des Versicherungsombudsmanns zeigt. Zudem ermöglicht das Provisionssystem auch Geringverdienern eine individuelle qualifizierte Beratung und hat somit auch eine soziale Komponente.

Wird sich der Druck auf Vermittler weiter erhöhen? Werden junge Kunden immer unerreichbarer?
In der überwiegenden Zahl werden Versicherungsverträge durch den stationären Vertrieb vermittelt, und zwar durch fast alle Sparten hindurch. Eine große Trendwende beobachten wir nicht. Das bestätigen auch Umfragen. Laut "Kundenmonitor Assekuranz" des Marktforschungsinstituts Yougov von 2017 wünscht sich jeder zweite Versicherungskunde eine persönliche Beratung des Vermittlers. Neue Medien wie Online-Beratung über Chat (sieben Prozent), Co-Browsing (fünf Prozent), Beratung über Smartphone-Apps (vierProzent), Skype (vier Prozent) und in einem Online-Kundenforum (drei Prozent) spielen eher eine untergeordnete Rolle. Heutzutage informieren sich zwar die Kunden stärker online, schließen aber offline, bei einem Vermittler ihres Vertrauens ab. Daher halten wir Aussagen, dass die jungen Kunden unerreichbarer für Vermittler werden für nicht ernstzunehmende Unkenrufe.

Autor(en): Uwe Schmidt-Kasparek

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